ÖFB-Sportdirektor Ruttensteiner: Seine Asse im Vertragspoker mit Marcel Koller

Akt.:
Willi Ruttensteiner (l.) hofft auf eine weitere Zusammenarbeit mit Marcel Koller.
Willi Ruttensteiner (l.) hofft auf eine weitere Zusammenarbeit mit Marcel Koller. - © APA/Robert Jäger
ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner über den Höhenflug der Nationalmannschaft, die Rolle von Teamchef Marcel Koller und wie er die anfängliche Kritik an seiner Arbeit heute sieht.

Lange wurden seine Methoden hinterfragt, mittlerweile gibt ihm der Erfolg recht: ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner hat grundlegende Reformen im heimischen Fußball eingeleitet und damit die Basis für den jüngsten Aufschwung gelegt.

Mit der APA sprach der Oberösterreicher, der am Donnerstag seinen 53. Geburtstag feierte, im Teamcamp in Spanien über die Zukunft von Teamchef Marcel Koller, dessen besondere Fähigkeiten und den Umgang mit Lob.

Frage: Ihr langjähriger Weggefährte, Bayern-Sportvorstand Matthias Sammer, hat unlängst vom österreichischen Fußball ein Denkmal für Sie gefordert. Wo soll es stehen?

Willi Ruttensteiner: Wir haben immer eine sehr gute Zusammenarbeit gehabt, als er noch DFB-Sportdirektor war. Er wird das sicher nicht so gemeint haben. Er wird grundsätzlich die Arbeit in Österreich wertgeschätzt haben.

Ihre Aufbauarbeit ist in der Anfangsphase auf sehr viele Widerstände gestoßen, jetzt gibt es Lob. Wie gehen Sie nach all den Ressentiments damit um?

Wenn etwas nicht funktioniert, ist die Kritik oft personifiziert. Jetzt muss man ganz deutlich sagen: Die Aufbauarbeit haben viele geleistet. Das kann eine Person gar nicht leisten, das war ganz Österreich. Das geht von den Landesverbänden über die Bundesliga bis hin zum ÖFB. Das Netzwerk ist entscheidend. Das Lob gilt unserem Ausbildungskonzept, da haben viele mitgearbeitet.

Was ist entscheidend, um das hohe Level zu halten oder gar zu verbessern?

Dazu gibt es eine Aussage des Teamchefs, die mich sehr bewegt hat, und in der man auch seine Denkweise sieht: Nummer 10 der Welt – und er sagt, die große Herausforderung ist es, einstellig zu werden. Er sagt in keinster Weise, wir haben so viel erreicht. Wenn man das überträgt in unser System, sind wir weiterhin auf einem guten Weg. Wenn es aber eine Genügend-Mentalität gibt, geht es sofort in Richtung Verschlechterung.

Sie haben die Weltrangliste angesprochen. Mit welchen realistischen Erwartungen fährt man als Zehnter zu einer EM?

Das ist relativ einfach: Dort das erste Spiel zu gewinnen. Ich hoffe, dass die gesamte Mannschaft dabei ist – Verletzungspech ist immer problematisch – und dass wir bei der Auslosung vielleicht ein bisschen Glück haben. Dann geht es um die Fokussierung auf das erste Spiel. Wenn wir das machen wie bisher, traue ich der Mannschaft sehr viel zu.

Das neue Selbstbewusstsein im Team ist nicht zu übersehen. Wie viel hat es mit der Qualität der Spieler zu tun, wie viel mit dem Teamchef?

Die Spieler holen sich das Selbstvertrauen bei den Klubs. In Deutschland oder England ist irrsinnig viel Qualität notwendig, um überhaupt zu spielen. Wie sich David Alaba bei Bayern München durchgesetzt hat, ist bewundernswert. Ich weiß gar nicht, ob er sich überhaupt bewusst ist, welch ein Star er bereits ist. Diese Spieler kommen zur Nationalmannschaft, dann ist es die Kunst des Trainers. Er hat es in den vier Jahren perfekt verstanden, Mannschaft und Betreuerstab so zu einen, dass diese Siege überhaupt möglich sind.

Wir wünschen unserem Teamchef alles alles Gute zum Geburtstag! Happy Birthday, Marcel Koller!

Posted by Das Nationalteam on Mittwoch, 11. November 2015

Koller wird in Österreich schon als Heilsbringer gefeiert. Was macht ihn so speziell?

Ich glaube schon, dass der Zeitpunkt und die Entwicklung der Mannschaft vor zehn Jahren schwieriger gewesen wäre. Er war auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Alles andere ist ihm in der Persönlichkeit zuzuschreiben – egal ob Fachwissen, Umgang mit Spielern, Betreuern oder Medien. Da ist er extrem stark und ich traue ihm in diesem Bereich auch noch eine Riesenkarriere zu. Er war als Spieler sehr erfolgreich und ist es als Trainer, aber es kann noch sehr viel mehr kommen.

Wie schwierig wird es, so einen Trainer beim ÖFB zu halten?

Toptrainer zu halten, ist immer schwierig. Aber ich denke, dass er sehr gerne in Österreich ist und mit dieser Nationalmannschaft arbeitet. Das spüre ich. Und ich glaube, dass er immer seinen Bauch und sein Herz entscheiden lässt. Er hätte die Möglichkeit, die Mannschaft nach einer erfolgreichen EURO auch zu einer WM zu führen. Für einen Trainer ist das eine Riesenherausforderung. Das würde ihm tausendprozentig Spaß machen.

Welche Argumente für eine Verlängerung gibt es noch?

Das Potenzial der Mannschaft. Ich glaube auch, dass er sich in Österreich sehr wohlfühlt, dass er das Land echt lieben gelernt hat, dass er gerne hier ist wegen der Menschen, der Betreuer, der Freunde, die er schon gewonnen hat. Das trägt alles zur Entscheidung bei.

Trotzdem wird er wahrscheinlich nicht ewig beim ÖFB sein können. Sollen es noch zwei, vier oder sechs Jahre sein – wie ist man auf die Zeit nach Marcel Koller vorbereitet?

Wir sind im ÖFB strukturell sehr gut aufgestellt. Dazu kommt das Konzept des österreichischen Weges, das nicht nur auf den Erfolg der Nationalmannschaft beschränkt ist. Im Nachwuchs haben wir uns im letzten Jahrzehnt 14-mal für ein Turnier qualifiziert. Da sieht man, dass das Gesamtsystem stimmt. Man darf auch nicht vergessen, wie sich Trainer entwickeln. Peter Stöger, Ralph Hasenhüttl, aber auch, wie sich Adi Hütter in der Schweiz durchsetzt – das zeigt, dass der österreichische Trainer gut ausgebildet ist.

Das heißt, der nächste Teamchef könnte auch ein Österreicher sein?

Für mich ist die große Zielsetzung, dass Marcel Koller bleibt. Es geht immer darum, die beste Lösung für Österreich zu suchen in diesem Augenblick. Wenn das dann ein Österreicher ist, wird man diese Entscheidung treffen. Damit beschäftige ich mich aber nicht. Sportlich wäre es wunderschön, wenn er seine Arbeit fortsetzen würde.

Das Potenzial der Mannschaft ist groß, vielerorts ist schon von einer “Goldenen Generation” die Rede. Was können Sie mit diesem Ausdruck anfangen?

Wenn man es so meint, dass es eine Generation ist und dahinter nichts, stört es mich. Dann wäre der Ausbildungsweg gar nicht so gut, sondern es wären nur Spieler, die geboren worden sind. Das hat es in anderen Ländern auch schon gegeben. Man sieht aber, dass zu dieser guten Mannschaft immer wieder neue Spieler dazustoßen. Hoffentlich ist der österreichische Fußball über Generationen hinweg wieder dort, wo er hingehört, nämlich in einem Topbereich – ich sage Top 30 oder Top 20.

Super Start in die Trainingswoche! Das Nationalteam @ Alicante.

Posted by Das Nationalteam on Dienstag, 10. November 2015

Kann man die aktuelle Mannschaft mit großen ÖFB-Teams vergleichen?

Vergleiche sind immer schwierig. Jede Mannschaft und jeder Spieler hat für sich irrsinnig viel geleistet. Ich war im Sommer mit meiner Familie in Barcelona und dort das fünfte Mal im Klubmuseum. Dort entdeckt man nur einen Österreicher – Hans Krankl. Viele können gar nicht abschätzen, was der geleistet hat, einmal nur dort zu sein bei so einem Verein.

Wie viele ÖFB-Spieler neben David Alaba, der schon bei einem solchen ist, hätten das Potenzial für einen Weltklub wie den FC Barcelona?

Vom Potenzial her sehe ich einige Spieler, die noch einen Schritt nach oben machen können. Es ist aber irrsinnig schwierig, weil viele Faktoren wie Ablösesummen, Verträge und Notwendigkeiten der Vereine zu einem bestimmten Zeitpunkt mitspielen.

Die österreichische Liga gilt in diesem Zusammenhang als Ausbildungsliga. Wie stehen Sie zu diesem Terminus?

Oft wird es ein bisschen abwertend verwendet. Wir haben eine österreichische Bundesliga. Dass sich dort junge Spieler entfalten können, ist sehr positiv. Sie kommen aus den Akademien dort hin und haben eine nächste, eine Entfaltungsstufe. Das machen viele Trainer von Franco Foda bis Zoran Barišić sehr gut.

Warum schaffen es trotzdem nur so wenige Spieler aus der Bundesliga ins ÖFB-Team? Ist die Qualität im Kader zu groß?

Ja, es ist mit der Qualität der Mannschaft einzuordnen. Die jüngsten Beispiele zeigen, dass der Teamchef in der Liga genauso jedes Spiel beobachtet oder beobachten lässt. Aber je stärker die Mannschaft, desto schwieriger wird es – das ist auch bei jeder Top-Nationalmannschaft der Fall.

(APA)

Leserreporter
Bild an VOL.AT schicken


0Kommentare

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar - dieser wird nach einer Prüfung von uns freigeschaltet. Beachten Sie, dass dies gerade an Wochenenden etwas länger dauern kann. Kommentare von registrierten Usern werden sofort freigeschaltet - hier registrieren!

noch 1000 Zeichen