"Zylkus von Blut und Gewalt" wiederbelebt

Die Tötung des palästinensischen Extremisten Shanab hat die Volksseele in Palästina erzürnt und macht eine Verhaftung von weiteren Terror-Führern unmöglich.

Nach der Liquidierung des Hamas-Führers Ismail Abu Shanab durch israelische Kampfhubschrauber im Zentrum Gazas versammelten sich hunderte Palästinenser um sein völlig ausgebranntes Fahrzeug. Mit geballten Fäusten schworen sie Israel tödliche Vergeltung. Nur eine Stunde nach der gezielten Tötung des Extremisten kündigte die Hamas-Führung die vor sieben Wochen ausgerufene Waffenruhe auf und schwor blutige Rache. Was in Israel nach dem palästinensischen Selbstmordanschlag in Jerusalem am Dienstagabend mit großer Genugtuung aufgenommen wurde, schockierte die Palästinenserführung: „Dieser Schritt war unverantwortlich“, sagte Informationsminister Nabil Amer. „Diese Tat wird den Zyklus von Blut und Gewalt, den wir beenden wollten, wieder beleben.“

Tatsächlich bringt die israelische Kommandoaktion die Regierung von Ministerpräsident Mahmud Abbas in größte Schwierigkeiten. Nach dem Selbstmordanschlag von Jerusalem, bei dem am Dienstagabend ein Selbstmordattentäter 20 Menschen mit in den Tod gerissen hatte, hatte Abbas öffentlich den Kontakt zu den Extremisten abgebrochen und war auf Konfrontationskurs gegangen. In hektischen Sondersitzungen beschlossen Sicherheitsminister Mohammed Dachlan und seine Polizeioffiziere harte Kampfmaßnahmen gegen die Militanten. Die Infrastruktur und die Waffenlager von Hamas und Islamischem Dschihad sollten zerstört und die Hintermänner der Gewalt festgenommen werden.

Abbas und Dachlan erzwangen in der Nacht zum Donnerstag die Zustimmung von Palästinenserpräsident Yasser Arafat und der noch immer von ihm kontrollierten PLO für den Kampf gegen die militanten Gruppen, die auch der politische Gegner der PLO sind. Um die Extremisten zu isolieren, verbot Dachlan allen örtlichen Journalisten die Kontaktaufnahme zu den Hamas-Führern. Bereits in der Nacht zum Donnerstag gingen Dutzende Hamas-Aktivisten aus Furcht vor Verhaftung in den Untergrund.

Doch die israelische Regierung wollte nach dem Terroranschlag von Jerusalem, bei dem zahlreiche Kinder getötet wurden, nicht mehr warten. Bereits am späten Mittwochabend gab Ministerpräsident Ariel Sharon der Armee grünes Licht zur direkten Bekämpfung der palästinensischen Extremisten. Panzer rollten in die Städte Nablus, Jenin und Tulkarem ein und bezogen Stellungen vor Ramallah. Mehrere Extremisten wurden festgenommen. Der Raketenangriff auf den als relativ moderat eingestuften Hamas-Führer Shanab, die „Nummer Drei“ der Organisation, war der Höhepunkt der Armeeaktionen.

Die Liquidierung Shanabs macht es jedoch Abbas und seinem Sicherheitsminister unmöglich, nun massiv gegen die Extremisten vorzugehen. Die Kommandoaktion am hellichten Tag weckte nach Ansicht palästinensischer Beobachter erneut den Volkszorn der Palästinenser, der in den vergangenen Wochen angesichts der „Hudna“ (Waffenruhe) mehr und mehr besänftigt schien: „Kein palästinensischer Polizist wird es jetzt wagen, in ein Haus zu gehen und einen Hamas-Aktivisten zu verhaften.“ Für die in die Defensive gedrängte Hamas-Führung könnte sich die Aktion Israels dagegen als „Glücksfall“ herausstellen. „Die Tötung hat unserer Bewegung neues Leben eingehaucht“, sagte Hamas-Führer Ismail Hania der dpa am Donnerstag. Für Mahmud Abbas und seinen Sicherheitsminister könnte sie dagegen den „Anfang vom Ende“ bedeuten, meinte der Extremist.

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