Zubin Mehta dirigierte ein explosives Neujahrskonzert 2015

Begeisterter Applaus für Zubin Mehta und die Wiener Philharmoniker nach dem Neujahrskonzert
Begeisterter Applaus für Zubin Mehta und die Wiener Philharmoniker nach dem Neujahrskonzert ©EPA
Strauß mit "Knalleffekt": Für ein berauscht optimistisches Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker hat am Donnerstag Dirigent Zubin Mehta gesorgt. Mehr als zuvor war dieses der Strauß-Dynastie gewidmet, auch zwei Wiener Universitäten galt es zu ehren.
Neujahrskonzert 2015: Bilder
Jansons dirigiert 2016
Mehr zum Konzert 2015

Dennoch dirigierte Mehta im Musikverein kein akademisches Konzert, sondern ein explosives, das während der Zugabe in einem “Knalleffekt” gipfelte.

“Explosives” Neujahrskonzert 2015

Eigentlich hätte es der “Explosions-Polka” von Johann Strauß Sohn gar nicht bedurft. Mehta, der sein bereits fünftes Neujahrskonzert dirigierte, legte sich mit dem ersten Ton der Ouvertüre zum Lustspiel “Ein Morgen, ein Mittag, ein Abend in Wien” derart ins Zeug, als gäbe es kein Gestern und kein Morgen. Der eigenen Laufbahn des gebürtigen Inders und gelernten Wieners war dieser erste Teil des Neujahrskonzerts gewidmet: Von den “Märchen aus dem Orient” (Johann Strauß Sohn), die seinen traumhaften Aufstieg bebildern sollten über sein “Wiener Leben” (Eduard Strauß) bis zu den “Dorfschwalben aus Österreich” (Josef Strauß).

Gebürtiger Inder leitete Großeevent

Mehta peitscht das ihm so vertraute Orchester – sein erstes Neujahrskonzert dirigierte er 1990 – durch das Repertoire und beweist dennoch viel Gefühl, das überwiegend aus dem Bauch zu kommen scheint. Waren in den vergangenen Jahren die besonnenen Denker, Charmeure und Neugestalter an der Reihe, steht mit dem 78-jährigen Mehta wieder jemand am Pult, der diese Musik lediglich feiern will, wenn auch auf höchstem Niveau. Und als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, nippten ausgewählte Philharmoniker nach dem “Champagner-Galopp” des Dänen Hans Christian Lumbye, dem “Strauß des Nordens”, an einem Glas Schaumwein. Mehta beließ es bei Wasser.

Highlights beim Neujahrskonzert

Thematisch wurde es im zweiten Teil akademisch – wenn auch nicht weniger flüssig. Zur “Studentenpolka” und “Wein, Weib und Gesang” von Johann Strauß Sohn jagte Choreograf Davide Bombana in der TV-Übertragung die Solisten des Wiener Staatsballetts durch die Universität Wien, die ihr 650-Jahr-Jubiläum begeht. Die 200 Jahre alte Technische Uni (TU) wurde mit Eduard Strauß’ Polka “Mit Dampf” und Johann Strauß Sohns “Accelerationen” bedacht, weiters gab es die “Elektro-magnetische Polka” und zum 26. Mal das “Perpetuum mobile”, dessen eigentlich nicht existentes Ende Klangingenieur Mehta mit den Worten “et cetera, et cetera, et cetera” einläutete.

Aber auch eine Rarität wurde abermals von den Philharmonikern einem Millionenpublikum vorgestellt: “An der Elbe” war der letzte Walzer, dessen Uraufführung Johann Strauß Sohn persönlich dirigierte – und Mehta der erste Dirigent, der diesen bei einem Neujahrskonzert mit gewohnt großer Geste zur Aufführung brachte. Ein echter Schlager wurde mit der “Annen-Polka” dem Publikum dargeboten, noch lebenslustiger, noch beschwingter, und vor allem noch lauter als man es bisher kannte. “Mit Chic” von Eduard Strauß verabschiedeten sich Orchester und Dirigent offiziell, um beinahe nahtlos in den Zugabenteil überzugehen.

Fulminantes Finale im Musikverein

Und die gewohnte Kür hatte es in sich: Mit dem Schlussakkord der “Explosions-Polka” ertönte nicht nur ein ohrenbetäubender Knall, ein Konfettiregen rieselte über das Publikum, das schließlich mit dem traditionellen Walzer “An der schönen blauen Donau” die Neujahrswünsche des Orchesters entgegennehmen konnte. Und beim “Radetzky-Marsch” versuchte Mehta ein Kunststück: Das zu diesem Zeitpunkt bereits völlig entfesselte Publikum nach Rängen getrennt mitklatschen zu lassen. Dieses bedankte sich nicht nur für diesen musikalischen Vertrauensbeweis, sondern für einen Jahresbeginn, der sämtliche vergangenen Krisen und Konflikte kurz vergessen ließ.

ORF übertrug in 90 Länder

Der ORF sorgte auch in diesem Jahr wieder dafür, dass jeder weiß, wo die Sträuße zu Jahresbeginn blühen. Zum 57. Mal wurde das Großereignis weltweit übertragen, 50 Millionen Menschen in 90 Länder wurden erreicht, 14 HD-Kameras waren im Einsatz. Und der Pausenfilm zeigte abermals die schönsten Seiten von Wien und machte neugierig auf ein weiteres anstehendes musikalisches Highlight in der Stadt – den Song Contest.

Neujahrskonzert: Die Dirigenten

Im Jahr 1939 beginnt die Geschichte des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker – mit einem “Außerordentlichen Konzert” unter Clemens Krauss im Großen Musikvereinssaal. Die Neujahrskonzerte begannen also an einem Silvestertag und erst das nächste Konzert war für Neujahr angesetzt: Am 1. Jänner 1941 hatte erneut Krauss die Leitung inne, der bis 1945 zu Neujahr wienerisch aufspielte.

1946 und 1947 leitete schließlich Josef Krips die Neujahrskonzerte, wobei 1946 die Veranstaltung – bis dahin unter “Johann-Strauß-Konzert” oder “Philharmonische Akademie” firmierend – erstmals offiziell Neujahrskonzert hieß. Clemens Krauss übernahm dann nach der Aufhebung des Verbots öffentlicher Auftritte ab 1948 bis zu seinem Tod 1954 wieder die Neujahrskonzerte.

Geschichte eines Erfolgsevents

Nach der Ära Krauss und einigen Kalamitäten in der Nachfolgeregelung wählte man schließlich die Variante, Willi Boskovsky, den ersten Konzertmeister, als Stehgeiger einzusetzen und auf einen Dirigent zu verzichten. So begann 1955 eine 25-jährige Erfolgsgeschichte. Als Boskovsky nach 1979 krankheitshalber auf die Leitung verzichten musste, griff man wieder zur Variante mit einem Dirigenten. Lorin Maazel übernahm als designierter Direktor der Staatsoper die Leitung des Neujahrskonzerts 1980, die er durchgehend bis 1986 innehatte und dann wieder 1994, 1996, 1999 und 2005. Nach der Auftakt-Ära Maazel wechselten die Maestros zwar häufiger, Zubin Mehta (1990, 1995, 1998, 2007 und 2015) sowie Riccardo Muti (1993, 1997, 2000 und 2004) können jedoch ebenfalls schon eine stolze Zahl an Neujahrsauftritten vorweisen.

Chronologie der Dirigenten

Clemens Krauss 1939
Clemens Krauss 1941-1945
Josef Krips 1946-1947
Clemens Krauss 1948-1954
Willi Boskovsky 1955-1979
Lorin Maazel 1980-1986
Herbert von Karajan 1987
Claudio Abbado 1988
Carlos Kleiber 1989
Zubin Mehta 1990
Claudio Abbado 1991
Carlos Kleiber 1992
Riccardo Muti 1993
Lorin Maazel 1994
Zubin Mehta 1995
Lorin Maazel 1996
Riccardo Muti 1997
Zubin Mehta 1998
Lorin Maazel 1999
Riccardo Muti 2000
Nikolaus Harnoncourt 2001
Seiji Ozawa 2002
Nikolaus Harnoncourt 2003
Riccardo Muti 2004
Lorin Maazel 2005
Mariss Jansons 2006
Zubin Mehta 2007
Georges Pretre 2008
Daniel Barenboim 2009
Georges Pretre 2010
Franz Welser-Möst 2011
Mariss Jansons 2012
Franz Welser-Möst 2013
Daniel Barenboim 2014
Zubin Mehta 2015
Mariss Jansons 2016 (designiert)

(apa/red)

  • VIENNA.AT
  • Wien
  • Zubin Mehta dirigierte ein explosives Neujahrskonzert 2015
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen