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Wüstenblume

Am 5. September feierte die Verfilmung durch Sherry Hormann als österreichisch-deutsch-französische Koproduktion bei den Filmfestspielen Venedig Premiere, am 9. Oktober kommt das berührende Biopic in die österreichischen Kinos. Szenenbilder: Trailer: Wann und wo im Kino
Eine junge, in bunte Tücher gehüllte Frau irrt durch die Straßen Londons. Zuvor ist sie durch die somalische Wüste geirrt, auf der Flucht vor ihrer nomadischen Familie und einer Zwangsheirat. Bald wird sie über die Laufstege von New York und Paris stolzieren. Die Lebensgeschichte von Waris Dirie ist seit ihrem Bestseller “Wüstenblume” weithin bekanntgeworden – und mit ihr das Leiden von Millionen junger Mädchen unter dem grausamen Ritual der Genitalverstümmelung.

In Österreich war die Dor Film an der Produktion beteiligt, auch Waris Dirie selbst fungierte als Koproduzentin. Verkörpert wird sie von Liya Kebede, Model und Schauspielerin aus Äthiopien und Trägerin des erschrockenen und doch so unerschrockenen Charmes des Films. Der Kulturschock in London steht im Zentrum der Handlung: Geflüchtet aus der somalischen Botschaft, in der sie als Dienstmädchen eingesperrt war, findet Waris Arbeit im Fast-Food-Restaurant und wird dort entdeckt, macht erste Fotos, erschrickt vor dem Blitz, geht für die Arbeitsgenehmigung eine Scheinehe ein – und beginnt eine Karriere.

Rückblenden führen in die Wüste: Wunderschön ist sie im Zug der Nomaden, unerbittlich beim tagelangen Fluchtmarsch der kleinen Waris, grausam erzittert sie unter den verzweifelten Schreien der erst Dreijährigen, als ihr unter dem aufmerksamen Blick des Aasfressers die Geschlechtsorgane geraubt werden.

Später ist es der Blick ihrer Freundin Marilyn (Sally Hawkins), ihre sich rasch mit Tränen füllenden Augen, die verstehen machen, was Genitalverstümmelung bedeutet: welchen Schmerz, ein Leben lang und gerade auch in dem Moment, als Waris erkennen muss, dass nicht jede Frau auf der Welt “rein”, also beschnitten ist.

Dass es Waris Dirie gelungen ist, mit ihrer Geschichte die weltweite Aufmerksamkeit für dieses Verbrechen zu wecken, dem laut WHO täglich 6.000 Mädchen zum Opfer fallen, ist nicht zuletzt der Strahlkraft ihres Erfolgs als Model geschuldet. Und auch der Film bedient sich des Glamours, der schnellen Schnitte bei Fotoshooting und auf dem Laufsteg, dem Märchen vom Nomadenmädchen, dass in Stöckelschuhen ganz neu gehen lernen muss und ihre bunte Verhüllung gegen Couture eintauscht.

Es sind aber andere Bilder, die im Gedächtnis bleiben. Von den Bergen und den Schafherden, die auf ihnen getrieben werden. Vom Zelt, in dem sich der kleine Bruder angstvoll an die Schwester klammert. Vom zerfurchten Gesicht der Beschneiderin. “Der Film hat einen Sinn, das ist der einzige Grund, wieso ich ihn gemacht habe”, sagt Waris Dirie. Der Sinn ist nicht, ihr Leben zu erzählen, ist nicht ein märchenhaftes Kinoerlebnis über das schillernde Schicksal einer Frau. Auch das leistet er. Aber es ist das Schicksal nicht einer, sondern vieler, vieler Frauen, das man mit tiefer Unruhe mit aus dem Kino nimmt.

http://www.waris-dirie-foundation.com

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