Worum es bei "Braindoping" geht

Es geht darum, die eigenen kognitiven Leistungen zu verbessern", so Kurt Fellöcker zum Neuroenhancement.
Es geht darum, die eigenen kognitiven Leistungen zu verbessern", so Kurt Fellöcker zum Neuroenhancement.
"Braindoping": Dieser Begriff wird umgangssprachlich verwendet - aber worum geht es dabei?

Neuroenhancement ist der wissenschaftliche Begriff für den Versuch, mit verschiedenen Stimulanzien die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern. Umgangssprachlich wird es daher auch "Braindoping" genannt. Die Fachhochschule (FH) St. Pölten veranstaltet zu diesem Thema am Freitag einer Online-Fachtagung. Die APA sprach zuvor mit einem der Organisatoren, Kurt Fellöcker, über das Phänomen.

Was ist Neuroenhancement?

Der Begriff des Neuroenhancement hat eine gewisse definitorische Bandbreite. "Ich persönlich habe eine weite Definition. Es geht darum, die eigenen kognitiven Leistungen zu verbessern, zum Beispiel die Konzentrations-, Lern- oder Gedächtnisfähigkeit", erklärte der Leiter des FH-Lehrgangs "Suchtberatung und Prävention". Doch nicht nur Aufputschen, auch um durch Substanzen besser zur Ruhe zu kommen, zähle er zum Neuroenhancing. So würden Betablocker, die an sich gegen Bluthochdruck verwendet werden, zur Entspannung oder Ablenkung von sonst belastenden Ereignissen eingesetzt.

Substanzen, die zur Leistungssteigerung eingesetzt werden, gibt es viele. "An der Spitze ist Methylphenidat, das in Medikamenten im ADHS-Bereich eingesetzt wird." Ritalin ist hier eines der prominentesten Beispiele. "Amphetamin ist auch relativ weit verbreitet. Zudem noch Modafinil, welches die Wachheit steigert und die Konzentration verbessert." Dazu kommen Drogen wie Speed, Kokain oder Crystal Meth.

Betreibung von Neuroenhancing

Doch auch mit alltäglichen Produkten lässt sich Neuroenhancing betreiben. "Es kommt ganz auf die Anwendung an. Man kann sehr wohl mit Energydrinks, durch Koffein und Zucker, bei entsprechenden Mengen Effekte erzielen."

Diese Effekte führen jedoch weder bei Energydrinks noch bei Amphetaminen zu einer tatsächlich nachweisbaren Leistungssteigerung. "Man hat nur den subjektiven Eindruck, dass man besser ist und nimmt dafür negative Wirkungen in Kauf. In der Wissenschaft konnte man die Leistungssteigerung aber noch nicht objektiv nachweisen." Damit sei es eher eine Art Placebo- oder Scheineffekt. Dies könne auch damit zusammenhängen, dass einige der Substanzen zu einem gesteigerten Selbstvertrauen führen.

"Reboundeffekt"

Selbst bei einer tatsächlichen Steigerung: Diese sei kurzfristig und würde im Nachhinein konterkariert. "Nehmen sie einen Programmierer, der die Nacht durcharbeitet mit Hilfe von Substanzen. Der leistet viel, nur das lässt sich nicht aufrechterhalten, am nächsten Tag kommt es dann eher zu depressiven Episoden", sagte Fellöcker. In der Wissenschaft spricht man vom "Reboundeffekt". "Und das kann in eine Spirale führen, in der man immer wieder konsumiert und ein gesundes Leben vernachlässigt."

Wie an vielen Universitäten und Hochschulen gebe es auch an der FH in St. Pölten diese Problematik, wie der Dozent erläuterte. "Eine Untersuchung von Studierenden hat ergeben, dass rund 15 Prozent der St. Pöltener Studierenden Substanzen zur Leistungssteigerung verwendet haben. Es gibt hier also, und das mag überraschend sein für den ländlichen Raum, die gleichen Probleme wie an Universitäten in München oder Graz, wo ebenfalls ähnliche Studien durchgeführt werden."

Neuroenhancer-Konsum: Österreich im ersten Drittel der OECD-Staaten

Doch es handle sich nicht zuletzt um ein gesellschaftliches Phänomen, welches sich durch alle Schichten ziehe und gleichzeitig durch sie bedingt sein könnte. Fellöcker: "Es ist halt ein bisschen der Turobokapitalismus und der Eindruck, man geht sonst unter, die Existenz wäre bedroht. Es ist schon ein gesellschaftliches Phänomen und ein Symptom unserer Leistungsgläubigkeit." Österreich selbst bewege sich beim Konsum von Neuroenhancern im oberen Drittel der OECD-Staaten.

Eines der Ziele der Tagung ist es, den Fokus auf Prävention zu legen: "Wir geben über 90 Prozent für Behandlung aus, wenn Menschen nicht anders können, als ins Krankenhaus zu gehen." Demgegenüber stünden gerade einmal fünf Prozent, die in die Prävention fließen. "Eigentlich vernachlässigen wir die Prävention sträflich. Das ist auch wirtschaftlicher Unsinn, denn Prävention kostet weitaus weniger als Behandlung."

(APA/Red)

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