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Wöchentliche Durchtestung könnte weiteren Lockdown verhindern

Zweimal pro Woche müssten 70 Prozent der Bevölkerung getestet werden.
Zweimal pro Woche müssten 70 Prozent der Bevölkerung getestet werden. ©pixabay.com (Sujet)
Wenn rund 70 Prozent der Bevölkerung zwei Mal in der Woche einen Corona-Test durchführen (lassen), könnte man zukünftig Lockdowns vermeiden. In Wien wurde dazu ein Pilotprojekt gestartet.

Weitere Lockdowns wären nicht nötig, wenn rund 70 Prozent der Bevölkerung zwei Mal in der Woche mittels PCR getestet würden. Was wie eine rein theoretische Überlegung von Forschern klingt, lasse sich voraussichtlich bald umsetzen, erklärte der Molekularbiologe Johannes Zuber im Gespräch mit der APA. Die Pilotphase zur Realisierung der Vision läuft bereits. Dieses sozusagen "Mondlandungs"-Projekt fußt auf Ideen und Innovationen von Forschern am Vienna BioCenter.

Zuber kann sich Nahezu-Echtzeit-Monitoring vorstellen

In den vergangenen Wochen hat sich in Österreich einiges getan, was das Testen auf SARS-CoV-2 anbelangt. Noch vor wenigen Monaten hätte kaum jemand für möglich gehalten, dass hierzulande täglich hunderttausende Tests - vom PCR-Test bis zum "Nasenbohrer"-Antigen-Schnelltest - durchgeführt werden. Der am Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP) arbeitende und in der "Vienna COVID-19 Detection Initiative" (VCDI) aktive Zuber glaubt daran, dass mit ausgeklügelter Logistik und innovativen Testverfahren, die in verschiedenen Pilotprojekten bereits erprobt wurden, bald noch deutlich mehr möglich ist. Konkret geht es um ein Nahezu-Echtzeit-Monitoring der ganzen Bevölkerung mittels der zuverlässigen PCR-Methode zum Viren-Nachweis.

Die Basis für das im Werden befindliche Vorhaben bildet eine Studie, die ein Team um den Simulationsforscher Niki Popper an der Technischen Universität (TU) und dem TU-Spin-off dwh zusammen mit u.a. Julius Brennecke vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Zuber Anfang Jänner durchgeführt hat. Hier zeigten die Wissenschafter, dass zielgerichtetes, wiederholtes Testen großer Bevölkerungsgruppen große Bremseffekte auf das Infektionsgeschehen hat. Dabei wurden Haushalte als Einheiten betrachtet. Die Proben der Haushaltsmitglieder könnten entweder einzeln oder als Sammelprobe (Pool) abgegeben werden. Bei einem positiven Resultat gehen dann alle in Quarantäne.

In Wien müssten rund 150.000 Haushalte pro Tag getestet werden

Die gemeinsame Testung und Isolation von Haushalten hätte den entscheidenden Vorteil, dass Übertragungsketten nach Ansteckung im Haushalt frühzeitig unterbrochen würden. Damit dies dann die unkontrollierte Ausbreitung der Pandemie auch ohne Lockdown-Maßnahmen verhindert, müssten in Wien rund 150.000 Haushalte pro Tag getestet werden, sagte Zuber. Der Schlüssel dazu ist ein intelligentes Zusammenfassen von vielen Einzelproben in Pools, die erst dann einzeln untersucht werden, wenn der PCR-Test insgesamt anschlägt.

Das ist möglich, weil damit auch geringste Viren-Konzentrationen verlässlich detektiert werden. Tatsächlich reichen etwa 200 Viren pro Milliliter Probenmaterial. Im Gegensatz dazu braucht es bei Antigen-Schnelltests eher eine Konzentration von mehr als einer Million Viren pro Milliliter, was zur Folge hat, dass man damit eher hochinfektiöse Personen mit höherer Wahrscheinlichkeit findet. In der Breite eingesetzt, sei dies natürlich schon hilfreich, mit sensitiven PCR-Tests gehe es aber noch deutlich besser, zeigte sich Zuber überzeugt.

Schlüssel zum Gelingen liege in der Logistik

Die Idee ist, dass Menschen zwei Mal in der Woche Gurgelproben an einem Standort in ihrer Nähe abgeben. Die mittlerweile großen Laborkapazitäten würden es dann erlauben, recht rasch Auskunft zu geben. Ein effizientes Monitoringsystem sollte am besten alle potenziell infektiösen Personen sicher erkennen, "das schaffen Antigentests leider nicht, die PCR-Tests aber locker". Der Schlüssel zum Gelingen liege vor allem in der Logistik. Zuber: "Wir brauchen nicht mehr Messgeräte, sondern clever organisierte 'Pooling-Zentren', die die Proben für die Labore vorbereiten."

Die notwendige hohe Beteiligung könne unter anderem erreicht werden, wenn der nachvollziehbar Lockdown-müden Bevölkerung klar wird, dass eine breite Teilnahme eine realistische Chance bietet, die nächsten Einschränkungen zu verhindern. "Alles, was wir tun müssen, ist zwei Mal in der Woche zu gurgeln und unsere Probe irgendwo abzugeben", betonte der Wissenschafter.

Gelinge es, diesen "Traum" zu realisieren, könnte man hierzulande auch durchaus stolz sein, "weil wesentliche Elemente dieser Teststrategie in Österreich entwickelt und erstmals eingesetzt wurden. Wir haben jetzt die Chance, den Sack zuzumachen, und in einem System zu landen, wo wir die Pandemie wirklich kontrollieren können", zeigte sich Zuber überzeugt. In Wien läuft mittlerweile unter dem Titel "Alles gurgelt" ein nach diesem Prinzip funktionierendes Pilot-Testprogramm für Betriebe. Zuber und Brennecke sind darin im wissenschaftlichen Betrag involviert.

Etabliertes System könnte schnell hochgefahren werden

Einmal etabliert, könne man ein solches System etwa auch innerhalb weniger Wochen wieder hochfahren, wenn etwa eine SARS-CoV-2-Variante auftaucht, die tatsächlich dem aufgebauten Immunschutz entkommt, oder sich eine Pandemie mit einem anderen Erreger anbahnt. PCR-Tests auf neue Ziele im Erbgut von Erregern anzupassen sei nämlich relativ einfach machbar. So wäre man auch in einer etwaigen nächsten Pandemie gut aufgestellt.

(APA/Red)

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