Wo ist Saddam?

Nur sehr wenige Iraker glauben, dass Saddam Hussein von der US-Armee getötet wurde, etwa beim Angriff auf ein Restaurant im Stadtteil El Mansur.

Zwischen den rußgeschwärzten Fassaden der Ministerien, in den Cafehäusern und Wohnzimmern von Bagdad gibt es seit dem Einmarsch der amerikanischen Besatzungsmacht viele arbeitslose Beamte, Berufssoldaten und Parteifunktionäre, die Zeit zum fabulieren haben. Eines ihrer Lieblingsthemen ist die Frage: Wo steckt Saddam Hussein? Nur sehr wenige Iraker glauben, dass er von der US-Armee getötet wurde, etwa beim Angriff auf ein Restaurant im Stadtteil El Mansur. Die Mehrheit denkt, dass er sich irgendwo in einem unscheinbaren Wohnhaus in Bagdad versteckt.

„Saddam ist nicht tot. Der Mann hat sieben Leben“, flüstert der schwergewichtige Abbas aus Bagdad. Von Politik versteht der junge Fernfahrer nach eigenem Bekunden nichts. „Ich weiß nur, dass die Straßen jetzt unsicherer sind als vor dem Krieg“, sagt er.

Majid, der früher einmal technischer Zeichner war und heute eine kleine Firma leitet, schwört, dass er Saddam am 9. April, ungefähr zur gleichen Zeit als die Amerikaner zu ihrem entscheidenden Vorstoß über den Tigris ansetzten, in seinem Viertel in Bagdad gesehen hat. Er habe ihn sogar angefasst und mit seiner Kalaschnikow vor möglichen Angreifern beschützt, fügt Majid hinzu. Viele Menschen aus dem sunnitisch dominierten Viertel Adhamija, in dem der Ex-Machthaber besonders viele Anhänger hatte, bestätigen diesen Vorfall und wollen Saddam Hussein dort am 9. April zusammen mit seinem jüngeren Sohn Kusai gesehen haben.

Ein Videoband dieses letzten „Auftritts“ des Diktators, das dem arabischen Sender Abu Dhabi TV wenige Tage nach dem US-Einmarsch zugespielt worden war, zeigt Saddam (oder einen seiner Doppelgänger) tatsächlich in Adhamija. Ob diese Aufnahmen wirklich erst am 9. April gemacht wurden, bleibt jedoch umstritten.

Heiß diskutiert wird in Bagdad auch die Frage, ob es Saddam Hussein mit dem Geld, dass der Ex-Präsident beiseite geschafft hat, nicht vielleicht doch noch gelungen ist, die irakische Hauptstadt nach dem Einmarsch der Amerikaner zu verlassen. Diejenigen Angehörigen seiner Führungsclique, die in den vergangenen Wochen von US-Soldaten verhaftet wurden oder sich selbst den Amerikanern gestellt haben, hatten sich fast alle in Bagdad versteckt.

Bei Saddam-Gegnern ist deshalb momentan ein Witz besonders beliebt, in dem sich der Ex-Diktator als Kurde verkleidet und auf dem Markt in Bagdad Sahnequark von einer alten Frau im schwarzen Gewand der Schiitinnen kauft. Als die Frau ihm erklärt, sie könne kein Geld von ihm nehmen, da er ja schließlich immer noch Präsident des Irak sei, fragt Saddam sie verzweifelt: „Wie hast Du mich denn erkannt, altes Weib, wo ich mich doch so gut verkleidet habe?“ Da blickt die Alte auf und flüstert: „Weil ich Isset Ibrahim (Saddams ebenfalls untergetauchter Stellvertreter im Revolutionären Kommandorat) bin“.

Iraker mit einem Hang zu Verschwörungstheorien glauben dagegen, dass die Amerikaner mit den Russen einen „Deal“ abgeschlossen haben, der den US-Soldaten die Einnahme von Bagdad ohne große Gegenwehr ermöglicht und Saddam einen geruhsamen Lebensabend in Russland beschert habe. Und auch wilde Spekulationen wie die des schmächtigen Taxifahrers Kanaan aus Bagdad finden Anhänger. Kanaan ist fest davon überzeugt, „dass die Amerikaner Saddam geschnappt und versteckt haben, um uns Irakern weiter Angst einzujagen“.

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