Wird Alkohol in der Türkei verboten?

Nach Presseberichten will Ministerpräsident Erdogan die staatliche Kontrolle über die Herstellung und den Verkauf alkoholischer Getränke im Land verschärfen.

Für Ahmet Aygün ist Alkohol ein Graus. Der gläubige Moslem und Bürgermeister der nordwesttürkischen Stadt Tekirdag verbot kürzlich in einem Festsaal der Stadtverwaltung den Ausschank von Bier, Wein und Schnaps. Zudem behauptete der Politiker von der Regierungspartei AKP (Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei) des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, der Geruch einer Spirituosenfabrik in seiner Stadt vergifte Kleinkinder in der Umgebung. Solche Sprüche würde man von einem Lokalpolitiker wie Aygün eigentlich nicht erwarten, denn Tekirdag ist das Zentrum des türkischen Weinbaus. Wenn aber selbst in Tekirdag der Alkohol verteufelt wird, ist das für türkische Regierungsgegner ein neuer Beweis für einen lang gehegten Verdacht: Erdogan treibe die Re-Islamisierung der Türkei mit Macht und an mehreren Fronten voran.

Die Haltung von Bürgermeister Aygün passt zu einem Trend in den türkischen Städten und Kommunen, in denen die AKP regiert. Schanklizenzen werden nur sehr zögerlich vergeben, die Zahl der „trockenen“ Lokale steigt. Gastronomen beschweren sich mittlerweile öffentlich über Schikanen der örtlichen Behörden. Die fühlen sich von ganz oben ermuntert: Es sei die Pflicht der Regierung, vor allem die Jugend vor den Gefahren des Alkohols zu schützen, wird Erdogan zitiert. Ein anatolischer AKP-Politiker schlug kürzlich vor, in den Städten alle Lokale mit Alkoholausschank in einer oder zwei Straßen zusammenzufassen – dabei bezog er sich ausdrücklich auf die „Rotlichtmilieus“ in westeuropäischen Städten. Alkoholkonsum und Prostitution werden damit auf eine Stufe gestellt.

Nicht nur die Kommunen, auch die Regierung in Ankara selbst wird aktiv. Eine Oppositionszeitung sagte bereits voraus, dass es bald in keinem Supermarkt und in keinem Restaurant im Land mehr Alkohol geben werde. Einzelheiten des entsprechenden Gesetzentwurfes sind noch unklar, doch der Streit um die angeblichen islamistischen Tendenzen der Erdogan-Regierung ist voll entbrannt.

Dafür hat auch der Ministerpräsident selbst gesorgt. Kürzlich tat Erdogan die Bestätigung des türkischen Kopftuchverbots durch das Europäische Menschenrechtsgericht in Straßburg mit der Bemerkung ab, nicht die Richter hätten über diese Frage zu entscheiden, sondern die „Ulema“, die islamischen Rechtsgelehrten. „Ayatollah“ wurde Erdogan daraufhin von der Opposition getauft. Das Innenministerium in Ankara verschickte unterdessen ein Schreiben an alle Provinzgouverneure, in dem Mithilfe bei der Sammlung von Spenden für einen Moschee-Neubau im Nordosten des Landes gefordert wurde – für die Gegner Erdogans ein weiterer klarer Hinweis auf regierungsamtlich unterstützte Umtriebe der Islamisten.

Die Regierung weist alle Vorwürfe zurück. Von einem generellen Alkoholverbot könne keine Rede sein, sagte Vizepremier Abdüllatif Sener, der vor wenigen Tagen demonstrativ an einer Tagung zur Lage des türkischen Weinbaus in der Phase der Annäherung an die EU teilnahm. Er wisse alles über Wein – nur probiert habe er ihn noch nie, scherzte Sener, der wie fast alle prominenten AKP-Politiker ein frommer Moslem ist. Seine religiösen Überzeugungen hielten den Vizepremier nicht davon ab, eine Qualitätsoffensive für den türkischen Wein zu fordern.

Tatsächlich würde sich die Erdogan-Regierung keinen Gefallen tun, wenn sie – wie von ihren Gegnern befürchtet – zu rigorosen Mitteln greifen würde, um den Türken den Alkohol zu vermiesen. Anders als die Bewohner anderer moslemischer Länder haben die Türken ein durchaus lockeres Verhältnis zum Alkoholverbot des Koran, weshalb in den vergangenen Jahren unter anderem auch ausländische Biermarken die Türkei mit Erfolg für sich entdeckt haben. Zudem wäre es der EU-Bewerbung der Türkei kaum förderlich, wenn die Regierung mit religiös motivierten Verboten in die Lebensgewohnheiten der Bevölkerung eingreifen würde.

Der prominente AKP-Politiker Murat Mercan scheint dies erkannt zu haben. Selbst der für seine Frömmigkeit und seine brutale Verfolgung von Wein und Tabak bekannte Sultan Murad IV. (1612-1640) habe es nicht vermocht, den Türken das Trinken auszutreiben, sagte Mercan. Auf internationaler Bühne könne ein Alkoholverbot ohnehin nur zum Desaster werden, glaubt er: „Den Europäern würden wir so etwas nie erklären können.“

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