Wiener Wahlkampf ging an den Wählern vorbei

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Der Wahlkampf in Wien ist vorbei, der große Wahltag steht unmittelbar bevor. Trotz fetter Werbe-Budgets der Parteien fühlten sich fast 90 Prozent der Wiener persönlich nicht angesprochen.

Jene Gruppierungen, die sich um einen Einzug in den Gemeinderat bzw. in die Bezirksvertretungen bewerben, waren in den vergangenen Wochen omnipräsent – auf Plakaten, Dreiecksständern, medial oder auch ganz real bei den unzähligen Wahlveranstaltungen. Dass dabei über die Zukunft der Stadt diskutiert wurde, ist nicht völlig auszuschließen, gemerkt haben die Wiener davon aber offenbar wenig.

Trotz enormer Kosten: Knapp 8 Mio. Euro haben die Parteien in den Monaten August und September österreichweit für Werbung und Inserate ausgegeben, wie das Marktforschungsinstitut Media Focus Research erhoben hat. Nach Parteien aufgesplittet machten die Ausgaben von SPÖ und ÖVP 75 Prozent des Werbeaufkommens aus. Die Volkspartei griff mit 2,717.035 Euro ein wenig tiefer in die Tasche als die Sozialdemokraten, die 2,417.419 Euro springen ließen. Fessel wies jedoch darauf hin, dass vor allem in Wien die Mehrheitsfraktion SPÖ auch von Werbung der Stadt bzw. ausgelagerten Unternehmen profitiere. “Das Budget des Presse- und Informationsdienstes der Stadt liegt weit über den SPÖ-Ausgaben”, betonte Fessel.

Eine im Auftrag der APA durchgeführte Oekonsult-Umfrage hat den Wahlkampfstrategen der Parteien ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis ausgestellt. Rund 79 Prozent der Befragten gaben an, dass sich die Wahlauseinandersetzung eher nicht den “wirklich wichtigen Fragen und Problemen” der Stadt gewidmet habe. 67 Prozent fanden nicht, dass sich die diskutierten Inhalte weitestgehend mit ihren Anliegen, Problemen und Forderungen decken. Nur jeder zehnte Wiener fühlte sich von den Wahlkampfthemen dezidiert persönlich angesprochen.

Der quasi inoffizielle Auftakt zum Wahlkampf fand schließlich Mitte August statt, als die FPÖ Plakate affichierte, auf denen sie “Mehr Mut für unser ‘Wiener Blut'” forderte. Das Konzept ging auf, der programmierte Aufreger sorgte für heftige Debatten. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache legte nach: Die SPÖ, so versicherte sie, sei eine Partei, die Lobbyismus für Islamismus betreibe.

Die SPÖ wies die Anwürfe zurück und konterte: Bürgermeister und SP-Spitzenkandidat Michael Häupl warnte davor, dass die FPÖ Gemeindebauten verscherbeln werde, sollte sie jemals in Wien an die Macht kommen. Die FPÖ schaltete eigens Inserate, um diesen Vorwurf zu dementieren.

Noch intensiver wurde das Match Rot gegen Blau auf Sprechblasen-Niveau geführt: Die Freiheitlichen sorgten mit einem Geschichts-Comic für Empörung, in dem ein kleiner Bub einen türkischen Belagerer Wiens (“Mustafa”) mit der Steinschleuder zu Leibe rückt. Die SPÖ zeichnete daraufhin ebenfalls. In ihrem Comic wird gegen Nazi-Zombies und einen Androiden mit dem Aussehen Straches gekämpft.

Für Staunen – dem Vernehmen nach auch in der eigenen Partei – sorgten die ersten Plakate der ÖVP, war darauf doch niemand geringerer als Michael Häupl zu sehen. Dem fröhlich dreinblickenden ÖVP-Häupl wurde das Haar vom “frischen Wind”, den die ÖVP der Stadt bringen möchte, zerzaust. Christine Marek bot zudem an, “Lotse” für den “roten Jumbo” – alias Vizebürgermeisterin in einer rot-schwarzen Koalition – zu werden.

Insgesamt setzte die ÖVP eher nicht auf Themen, die mit Begriffen wie “urban” und “liberal” assoziiert werden. Stattdessen ging es in der schwarzen Kampagne vor allem um Sicherheits- und Integrationsfragen. Gewarnt wurde schließlich auch vor einer “griechischen Hochzeit”, also – in Anspielung auf die Herkunft der grünen Spitzenkandidatin Maria Vassilakou – vor einer rot-grünen Koalition nach der Wahl. Einer, der in so einem Fall wohl zum Zug kommen würde, ist Alexander Van der Bellen. Der frühere Bundessprecher der Grünen warb in Wien um Vorzugsstimmen. Inhaltlich standen Energie und Verkehr im Mittelpunkt der grünen Kampagne.

Das vermutlich am intensivsten diskutierte Thema brachte erst das Wahlkampf-Finale. Interessanterweise ging es dabei nicht um Wien. Allerdings wurde es von Bürgermeister Häupl lanciert: Er plädierte für eine Volksbefragung über ein mögliches Aus für die Allgemeine Wehrpflicht.

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