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Wiener Volkstheater: Kay Voges wird neuer Direktor

Das Wiener Volkstheater bekommt einen neuen Direktor.
Das Wiener Volkstheater bekommt einen neuen Direktor. ©www.lupispuma.com / Volkstheater
Am Freitag wurde bekannt gegeben, das Kay Voges der neue Direktor des Wiener Volkstheaters wird. Zuvor war er Intendant des Schauspiel Dortmund.

"Der digitale Zauberlehrling" nannte im Vorjahr das Fachblatt "Theater heute" ein Porträt von Kay Voges. Der 47-Jährige gilt als einer jener Theaterleute, die neue Technologien für ihre Arbeit nutzen wollen, statt sich der rasanten Digitalisierung zu verweigern. Ob er dafür am Volkstheater Wien, das er ab 2020/21 übernimmt, genügend Mittel zur Verfügung haben wird, bleibt abzuwarten.

Kay Voges wird ab 2020 neuer Direktor

Immerhin scheint sich mit seiner Berufung eine unerwartete Kontinuität abzuzeichnen, beschäftigte sich die derzeit noch von Anna Badora geleitete Bühne eben in zahlreichen Aktivitäten und internationalen Vernetzungsprojekten mit den "#digitalnatives19", den jungen, technikaffinen Leuten von heute. "Das ist wie eine andere Spezies. Deren Gehirn funktioniert einfach anders!", stellte Badora verblüfft fest. Virtual Reality Shows zu "The Art of immersive Storytelling" sollten nicht die neuen Techniken als Köder für ein neues Publikum einsetzen, sondern die Adaptionsfähigkeit des die Menschheit seit Jahrtausenden mitprägenden Mediums Theater unter Beweis stellen. Etwas, was Kay Voges etwa im Vorjahr mit seiner "Parallelwelt", einer mit Glasfaserkabel ermöglichten simultanen Inszenierung am Schauspiel Dortmund und am Berliner Ensemble, gelang.

Kay Voges in Düsseldorf geboren

Und doch ist der am 14. Mai 1972 in Düsseldorf geborene Kay Voges nicht nur einfach schlicht zu alt für einen digital Native. Auch sonst weist ihn seine frühe Biografie nicht gerade als Technik-Freak aus. Einer Ausbildung zum Heimerzieher folgte eine mehrjährige Tätigkeit als Filmvorführer in Krefeld und ein Soziologiestudium in Duisburg, ehe er mit 25 als Regieassistent in Oberhausen begann, wo er bald Hausregisseur und Leiter der Studiobühne wurde.

Als freier Regisseur für Schauspiel und Oper begann er eine Karriere, die ihn von Frankfurt bis Berlin und von Stuttgart bis Dresden führte. So richtig durchstarten konnte er jedoch am Schauspiel Dortmund, wo er 2010 Intendant wurde. Das Schauspiel fasst mit der Bühne des Schauspielhauses, dem Studio und kleinen Nebenbühnen knapp 600 Zuschauer - um 250 Plätze weniger als das Volkstheater Wien. In Dortmund konnte er seine Vorstellungen eines innovativen, angriffigen, zeitgemäßen Theaters in hohem Maße verwirklichen und bezog immer wieder auch Film und Video in seine Theaterarbeit mit ein.

Kai Voges: Kritisiert und gelobt zugleich

Dortmund galt bald als das "führende deutschsprachige Theaterlabor" ("Die Welt"). Seine absolute Leidenschaft in der Verfolgung seiner Ziele wird ebenso gerühmt wie kritisiert. Er fordert und motiviert gleichermaßen. Einen eitlen Ego-Trip nennen die einen seine Kunst- und Theaterpraxis, eine rastlose, selbstausbeuterische Suche die anderen. Während die überregionale Kritik vermehrt anreiste, blieb das lokale Publikum immer häufiger aus.

Zu Voges' wichtigsten früheren Arbeiten zählen u.a. "Einige Nachrichten an das All" von Wolfram Lotz und Thomas Vinterbergs "Das Fest". Zum NRW-Theatertreffen und zum Heidelberger Stückemarkt wurde er immer wieder eingeladen, mit "Die Borderline Prozession - Ein Loop um das, was uns trennt" schaffte er es 2017 erstmals auch zum Berliner Theatertreffen. Seine Loop-Ästhetik, bei der in Live-Regie aus vorgefertigten Versatzstücken der Abend erst gemixt wird, gilt als innovativ und zeitgemäß.

Voges: Wien-Debüt am Burgtheater

Noch ehe der verheiratete Vater zweier bereits am Theater mitarbeitender Söhne am Volkstheater antritt, wird er übrigens sein Wien-Debüt beim großen Bruder am Ring geben: Am Burgtheater soll er im Dezember eine "Endzeit-Oper" unter dem Titel "Dies irae - Tag des Zorns" realisieren. Mit dem dafür zuständigen neuen Burgtheater-Dramaturgen Alexander Kerlin verbinden ihn bereits einige erfolgreiche Projekte. Gut möglich, dass Kerlin zu ihm an das Volkstheater wechselt. Eine der bisherigen gemeinsamen Arbeiten hieß übrigens "Das Goldene Zeitalter". Auch für das Volkstheater bricht ein neues Zeitalter an. Wie es später einmal genannt werden wird, ist noch nicht abzusehen. Computer-Tastaturen haben jedenfalls sowohl Enter- als auch Escape-Tasten.

Voges zeigt sich vor Antritt aufgeregt

"Ich bin ein bisschen aufgeregt", bekannte Voges. "Es ist schon etwas Besonderes, in eine so theaterverrückte Stadt berufen zu werden für ein riesengroßes, wunderschönes Theater." Er lobte die faszinierende Theatertradition der Stadt und des Hauses. "Dass ich Intendant vom VOLKStheater werden darf - Theater für das Volk - , kommt meiner Idee von Theater entgegen."

Voges erhält Fünf-Jahres-Vertrag

Kay Voges, der einen Fünf-Jahres-Vertrag erhalten wird, kündigte an, dass Mirjam Beck, seine bisherige Stellvertreterin in Dortmund, ebenso in sein Wiener Leitungsteam kommen werde wie der New Yorker Komponist Paul Wallfisch, der derzeit die gemeinsame Produktion "Dies irae" am Burgtheater vorbereite. Wallfisch wird musikalischer Leiter am Haus, unter dessen Dach alle Künste vereint werden sollten - inklusive Musik, bildende Kunst, Fotografie, Aktionskunst und Street Art. Theater sei "ein Ort der Verzauberung, des Austauschs und des Nachdenkens", ein "Brennpunkt des ästhetischen Diskurses, der kulturellen und politischen Bildung".

Voges strebt gesmischtes Ensemble an

Er strebe eine enge Verknüpfung mit der Wiener Stadtbevölkerung, aber auch internationale Strahlkraft an. "Für mich als Piefke gibt es hier viel zu lernen - auch, wie Wien und Österreich funktionieren." Der neue Direktor strebt ein gemischtes Ensemble als alten und neuen Kräften an und outetet sich als "großer Verehrer von Elfriede Jelinek" und Fan von Werner Schwab und des "lustvollen Theaters österreichischer Autorinnen und Autoren". Einen kurzen Versprecher, in dem er das Volkstheater versehentlich Volksbühne nannte, korrigierte er sogleich, in dem er betonte, das Volkstheater "im Geiste der Volksbühne entwickeln" zu wollen.

Voges: "Ein Volkstheater für die digitale Moderne"

Voges kündigte "ein Volkstheater für die digitale Moderne" an. Die Ausstattung dafür sei allerdings "noch nicht auf der Höhe der Zeit. Über Geld muss in den nächsten Monaten weiter geredet werden." Vorerst sicherte die Kulturstadträtin jedoch zu den bisherigen 12,4 Mio. Euro Subvention weitere zwei Millionen jährlich zu. "Die Suche nach der dritten Million gebe ich aber nicht auf. Es ist aber im Moment schwierig, ein Gegenüber dafür zu finden." Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) hatte eine Subventionsaufstockung des Bundes ausgeschlossen, mit dem derzeit zuständigen Außenminister Alexander Schallenberg stünden "Erstkontakte" noch aus.

Die Stadträtin kündigte jedoch an, dass die erste Saison der neuen Direktion aufgrund der im Jänner 2020 startenden und plangemäß bis Oktober dauernden Umbauarbeitenden wohl eine "Spielzeit under construction" werde und mutmaßlich erst im Jänner 2021 starten werde. Erst 2021/22 werde die erste volle Spielzeit der neuen Direktion.

Neuer Direktor: Noch keine ausgefeilten Konzepte vorhanden

Er sei erst vor zweieinhalb Wochen kontaktiert worden und habe daher noch keine ausgefeilten Konzepte für das Volkstheater, gab der künftige Direktor zu, ließ sich allerdings doch ein wenig Konkretes entlocken: "Das Theater in den Außenbezirken muss weitergehen. Dafür muss eine neue Idee her. Mir ist wichtig, dass es keine Zweiklassengesellschaft wird. Inhaltlich wird es politischer werden in den Außenbezirken, aber auch sinnlicher und lustvoller." Für das Volx/Margareten werde es ein Konzept geben. Er denke etwa an einen Ort zum Ausprobieren neuer, junger Regiehandschriften. "Ich überlege, ob wir nicht ein Regiestudio eröffnen können." Über die von ihm gegründete Akademie für Theater und Digitalität "werden wir Werke direkt aus den Forschungslaboren auf die Bühne holen".

Voges selbst war erst einmal im Volkstheater

Er sei erst einmal im Volkstheater gewesen, gab Voges zu. "Das geht natürlich gar nicht. Heute Abend wird es das zweite Mal. Ich muss Fachmann werden, und das möglichst schnell. Ich muss die Struktur des Hauses verstehen." Es werde zwar "ein Leitbild" seiner Arbeit geben - "aber nicht als Dogma, sondern eher mit einem suchenden, forschenden Duktus". Auch für seine Direktion kündigte er einen permanenten Lern- und Kommunikationsprozess an. "Wie müssen klar und deutlich die Türen aufreißen. Wir sind keine geschlossene Gruppe im Elfenbeinturm. In den ersten zwei Spielzeiten wird es auch permanente Einführungen und Nachgespräche geben, damit Ensemble und Zuschauer zusammenkommen."

Kaup-Hasler gestand ein, als Theaterfachfrau die Arbeit von Kay Voges in Dortmund bisher nicht im Fokus gehabt zu haben, zeigte sich aber von einer kürzlich nachgeholten Bernhard-Inszenierung ("Der Theatermacher") begeistert und sprach von rund 80-prozentiger Auslastung des Hauses. Voges habe Dortmund, das sonst nur wegen seines Fußballs bekannt sei, auf der kulturellen Landkarte positioniert.

Für die Volkstheater Privatstiftung kündigte Kaup-Hasler Veränderungen an, zu denen es in Bälde eine Pressekonferenz geben werde. "Ich habe sehr gute Gespräche mit dem Stiftungsvorstand und dem ÖGB."

Wiener Volkstheater: Die Direktoren

Liste der Direktoren des Volkstheaters seit der Eröffnung 1889:

  • Emmerich von Bukovics 1889-1905
  • Adolf Weisse 1905-1916
  • Karl Wallner 1916-1918
  • Alfred Bernau 1918-1924
  • Dr. Rudolf Beer 1924-1932
  • Rolf Jahn 1932-1938
  • Bruno W. Ilz 1938-1944
  • Günther Haenel 1945-1948
  • Paul Barnay 1948-1952
  • Leon Epp 1952-1968
  • Gustav Manker 1969-1979
  • Paul Blaha 1979-1987
  • Emmy Werner 1988-2005
  • Michael Schottenberg 2005-2015
  • Anna Badora 2015-2020
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