Wiener Plattenlabel Col legno wird 30

Ein buntes Wiener Label mit vielseitger Musik.
Ein buntes Wiener Label mit vielseitger Musik. ©APA/Sujet
Bunt sind die CDs von außen, wie von innen. Mit knalligen Farben und einem Programm, "das die Grenzen zwischen Interpretation, Improvisation und Komposition verwischt" hat sich das Wiener CD-Label Col legno in den vergangenen Jahren Hörbarkeit gesichert.

Zeitgenössische Musik verlegt und vertreibt das Label nun bereits seit 30 Jahren – mit einer kräftigen Portion Enthusiasmus. “Wir sind sehr begeistert von dem, was wir machen”, erklärten der künstlerische Leiter Andreas Schett und der Geschäftsführer Mike Breneis.

Gegründet wurde Col legno im Jahr 1993 in München, von Wulf Weinmann, einer wichtigen Figur der Avantgarde-Festival-Szene. In den ersten Jahren spezialisierte man sich auf Mitschnitte von Festivals wie Donaueschingen. 2005 wurde das Label dann vom Wiener Gesundheitsökonom Christian Köck übernommen, später stieg auch die Czerwenka Privatstiftung als Eigentümerin ein.

Label nach Wien verlegt

Als künstlerische Leitfiguren wurden Impresario Gustav Kuhn und “Franui”-Mastermind Andreas Schett gefunden. Das Label wurde nach Wien verlegt und neu aufgesetzt – Schetts Firma “circus” zeichnet für das Design verantwortlich, programmatisch erweiterte man das Spektrum neuer Musik über die “Avantgarde” im engeren Sinn hinaus.

“Wien hat sicher die größte Dichte an kreativen Musikern, die zeitgenössische Musik machen und in verschiedenen Projekten zwischen Elektronik, Pop, Volksmusik, Wienerlied und klassischer Avantgarde tätig sind”, ist Breneis glücklich mit dem Standort. Und Schett ergänzt: “Besonders interessiert uns Musik, die auf die Musikgeschichte zurückgreift und sie in die Jetztzeit katapultiert.” Dem Labelnamen ist man dabei treu geblieben. “Mit dem Holz” bedeutet “col legno” und war die Bezeichnung für eine im 19. Jahrhundert völlig neuartige Spielweise. “Das Experiment steht bei uns noch heute ganz groß drauf.” Volksmusik darf sich da gerne wie Jazz anhören und Brahms wie Weltmusik.

Verschiedene Musikformen bei Col legno

Col legno bringt die neuen Platten von so unterschiedlichen Künstlern wie Franui, den Neuen Vocalsolisten Stuttgart oder der Volksmusik-Crossovertruppe “Alma” heraus. Mit “Wien Modern” produziert man eine Aufnahme von Patrick Pulsingers und Christian Fennesz’ John Cage-Hommage, für Götz Spielmanns “Oktober November” wurden als Filmmusik Markus Hinterhäusers Morton Feldman-Interpretationen beigesteuert. “Bloß nicht in eine Schublade”, lautet das Credo, mit dem man sich auch explizit an ein heutiges Publikum wendet, “das sich in seinen Hörgewohnheiten nicht einkasteln lässt”, sagt Schett, “es gibt ja überhaupt nur mehr wenige Leute, die ausschließlich in einem Stil zuhause sind.”

In einer neuen Generation von Hörern diagnostiziert man auch eine Rückbesinnung auf die feine Selektion, “eine iPod-Müdigkeit unter Leuten, die wirklich Musik hören: da habe ich dann 400 CDs auf meinem mp3-Player – und was soll ich damit?” Col legno weiß Abhilfe – und versteht sich gleichsam als Delikatessenladen oder auch als Biobauer, der seine Stammkunden mundgerecht zu bedienen weiß. Die Editionen gibt es etwa im Freundes-Abo, “als Biokistl direkt beim Bauern”, mit neun Produktionen pro Jahr, Rabatt auf die anderen – durchschnittlich werden ein Dutzend Platten jährlich aufgelegt – und Download-Berechtigungen.

Umsatz auch digital

“Wir machen sechs bis acht Prozent unseres Umsatzes digital”, erklärt Breneis. “Einige unserer Produkte erscheinen nur digital, gleichzeitig gehen wir nicht davon aus, dass online alles gratis sein soll.” Auch dem Totsagen des CD-Markts will man sich keineswegs anschließen. “Es gibt kaum ein Geschäft, wo so viel gejammert wird. Wichtig ist, dass man versteht: Zeitgenössisches Musikschaffen muss dokumentiert werden – und zwar nicht als Handy-MP3-File.”

Dennoch gibt es den Anspruch, dass die Produkte auf dem Markt funktionieren. “Wir sind eher kein Millionenunternehmen, aber ein gut laufender Würstelstand.” Allerdings mit internationalem Kundenstock – 17 Prozent des Umsatzes macht Col legno mittlerweile in den USA. Für die Kundenkommunikation habe man “lieber 500 Facebook-Freunde, die wirklich mitlesen, als 5.000 anonyme Newsletter-Adressen”, sagt Breneis, und denen erzählt man jede Menge Geschichten, “bunte und schräge”. Schließlich soll auch für die nächsten 30 Jahre gelten: “Wir produzieren nicht Tonträger, sondern Musik.”

Mehr Informationen zum Label hier.

(Interview: Maria Scholl/APA)

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