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Wiener Finanzbeamter soll Pflegesöhne missbraucht haben: Prozess

Missbrauchsprozess in Wien.
Missbrauchsprozess in Wien. ©APA/Sujet
Im Wiener Straflandesgericht ist am Mittwoch gegen einen mittlerweile pensionierten Finanzbeamten ein Prozess wegen sexuellen Missbrauchs eröffnet worden. Er soll sich zwischen 1996 und 1998 an seinen damals minderjährigen Pflegesöhnen vergangen haben.

Die mittlerweile 27 und 29 Jahre alten Brüder hatten Anfang des heurigen Jahres Anzeige erstattet, nachdem der Ältere im Zuge einer ambulanten Drogen-Entzugstherapie seine Vergangenheit aufgearbeitet hatte. Am Freitag soll die Verhandlung zuende gehen.

“Lebensbeichte” als Anklage-Grundlage

Die Staatsanwaltschaft hatte in diesem Fall eher dürftig ermittelt. So wurden im Vorfeld – anders als bei sexuellen Missbrauchs-Anzeigen üblich – die mutmaßlichen Opfer nicht einmal kontradiktorisch vernommen.

Alles, was sich zu den Anschuldigungen gegen den inzwischen 70-jährigen Verdächtigen bisher im Akt befindet, beruht im Wesentlichen auf einer Art schriftlicher “Lebensbeichte”, die der ältere Bruder Anfang des Jahres bei der Polizei abgegeben hat und die von der Anklagebehörde offenbar nicht weiter hinterfragt wurde.

Der inzwischen 70 Jahre alte Pflegevater wies die wider ihn erhobenen Anschuldigungen als völlig haltlos zurück.

Erhebungen unzureichend

Auch im Umfeld – etwa beim Jugendamt, das die Brüder seinerzeit in die Obhut der Pflegefamilie übergeben hatte und das in weiterer Folge Kontrollbesuche durchführte – wurden von der Staatsanwaltschaft keinerlei Erhebungen angeordnet. Es blieb Verteidiger Herbert Eichenseder überlassen, die Namen und Adressen der damit befassten Beamtinnen auszuforschen, so dass diese zumindest als Zeuginnen zur Hauptverhandlung geladen werden konnten.

In der Anklageschrift selbst waren irritierenderweise teilweise nicht einmal die Zeitpunkte der angeblichen Übergriffe angeführt. Die für den Fall zuständige Staatsanwältin erschien nicht persönlich zur Verhandlung, sondern ließ sich von einer Kollegin vertreten, die eigenen Angaben zufolge kurzfristig einspringen musste und sich erst Mittwoch früh mit der Causa vertraut machen konnte.

Pflegefamilie laut Tochter harmonisch

Die Brüder waren zu der Pflegefamilie gekommen, weil ihr leiblicher Vater schwerer Alkoholiker war und die Mutter der Kinder mit der familiären Situation nicht mehr zurande kam. Der Finanzbeamte und seine Ehefrau, die die Buben übernahmen, hatten zuvor bereits zwei Kinder adoptiert.

Ihre Adoptivtochter schilderte nun dem Gericht, sie sei in idealen familiären Verhältnissen aufgewachsen: “Harmonisch ruhig, gleichberechtigt. Es war einfach Familie.” Das habe auch für die jüngeren Pflegesöhne gegolten. “Die Kinder waren dort gut aufgehoben”, befand eine Vertreterin vom Jugendamt. Sie seien regelrecht “aufgeblüht”, ihre schulischen Leistungen hätten sich bei der Pflegefamilie verbessert.

Pflegesöhne missbraucht: Mehrere Übergriffe

Der Staatsanwaltschaft zufolge soll der Finanzbeamte ab 1996 beim FKK-Baden in der Lobau die damals zwölf bzw. 14 Jahre alten Buben mit Sonnencreme eingeschmiert und dabei an diesen sexuelle Handlungen vorgenommen haben bzw. an sich vornehmen haben lassen. Die Übergriffe sollen sich über drei Jahre erstreckt haben. “Glauben Sie wirklich, dass ein 16-Jähriger vom Typ des Älteren sich missbrauchen ließe?”, wandte sich der 70-Jährige in Richtung des Schöffensenats (Vorsitz: Martina Krainz). Der Bursch sei “ein Macho” gewesen und hätte sich das unter keinen Umständen gefallen lassen.

Zu Übergriffen soll es auch während eines Aufenthalts in Paris gekommen sein, wo der Pflegevater mit den Buben Eurodisney besuchte. Auch die jährlichen Sommerurlaube auf einem Salzburger Campingplatz sollen für die beiden Brüder überschattet gewesen sein, indem ihr Pflegevater nachts angeblich zu ihnen ins Bett kroch, sie von hinten umarmte und Zärtlichkeiten spüren ließ.

Finanzbeamter wies alles zurück

Das sei “Schwachsinn”, hielt der 70-Jährige dem wörtlich entgegen. Er sei schwerer Diabetiker und leide infolge dessen an Erektionsstörungen. Er erklärte sich die Anschuldigungen mit einer Erkrankung seines älteren ehemaligen Schützlings: “Der hat ein Borderline-Syndrom. Das ist gekennzeichnet durch ein intensives Schwarz-Weiß-Denken. Der hat immer jemanden gesucht, der an allem schuld ist.” Der Mann habe “durch seine Drogengeschichten den Bezug zur Realität verloren.”

Sein jüngerer Bruder sei eine Art Mitläufer, der schon als Kind dem Älteren nachgeeifert und ihm alles nachgemacht habe, so der Angeklagte weiter. Die Verhandlung soll am Freitag abgeschlossen werden.

(apa/red)

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