Wiener Festwochen: Programm wird vorgestellt

Die Wiener Festwochen werden von 10. Mai bis 16. Juni stattfinden.
Die Wiener Festwochen werden von 10. Mai bis 16. Juni stattfinden. ©APA/HANS KLAUS TECHT
Die Wiener Festwochen finden von 10. Mai bis 16. Juni statt. Am Donnerstag wird das neue Programm der Wiener Festwochen vorgestellt.

Christophe Slagmuylder, der aus Belgien stammende neue Intendant der Wiener Festwochen, stellt heute, Donnerstag, Vormittag auf einer Pressekonferenz sein erstes Programm vor. Der 1967 geborene langjährige Leiter des Brüsseler Festivals Kunstenfestivaldesarts war im Vorjahr kurzfristig auf den überraschend zurückgetretenen Festivalchef Tomas Zierhofer-Kin gefolgt und hat einen Vertrag bis 2024.

Die Wiener Festwochen werden heuer von 10. Mai bis 16. Juni stattfinden. Slagmuylder möchte das Festival insgesamt wieder flotter und wendiger machen, was sich auch in einigen neuen Schauplätzen niederschlagen soll. “Ich möchte die Tatsache, dass wir keine eigene Festivalbühne haben, in einen Vorteil ummünzen. Wir werden nomadischer werden, uns viel bewegen und temporäre Festivalzentren auch außerhalb der Innenstadt etablieren”, kündigte er im Vorfeld an.

Wiener Festwochen 2019 starten mit Theatermarathon in Donaustadt

“Die Wiener Festwochen sind ein Ort für multidisziplinäres künstlerisches Schaffen: visionär und gleichzeitig mit Geschichte vertraut, international und in der Stadt Wien verankert.” Dieses Motto stellt Christophe Slagmuylder, der aus Belgien stammende neue Intendant, seinem ersten Festival voran. Das heute vorgestellte Programm startet mit einem fünfeinhalbstündigen Theatermarathon in Donaustadt.

Slagmuylder, der im Vorjahr kurzfristig auf den überraschend zurückgetretenen Leiter Tomas Zierhofer-Kin gefolgt war, sieht das Festival durchaus in einem politischen Kontext. “Bei den Wiener Festwochen kann man Visionen erleben, die Offenheit und Neugierde auf das scheinbar Fremde und Unbekannte fördern. Das Festival versucht ein Gegenmittel für jede Form von Selbstüberhebung zu sein, für jeglichen Reflex von Konservatismus, für die Tendenz, das zu schützen, wovon wir Angst haben, es zu verlieren”, schreibt der langjährige Leiter des Brüsseler Festivals Kunstenfestivaldesarts, der in Wien einen Vertrag bis 2024 hat, im Programmbuch. “Um der Kurzsichtigkeit entgegenzuwirken, behaupten die Festwochen, dass es sich lohnt, die Fenster zu öffnen, die Welt zu sehen.”

Wiener Rathausplatz: Festival-Eröffnung am 10. Mai

Die Festival-Eröffnung am 10. Mai findet zwar wie immer am Wiener Rathausplatz statt, doch am Eröffnungswochenende soll in Wien-Donaustadt als Bezirk mit dem höchsten Bevölkerungswachstum, niedrigem Durchschnittsalter und geringer kultureller Infrastruktur “erkundet werden, welche Bedeutung einem Stadtfestival zukommen kann”. Kernstück ist die fünfeinhalbstündige Aufführung von “Diamante” des Argentiniers Mariano Pensotti, einer im August 2018 auf der Ruhrtriennale uraufgeführten Arbeit über Bau und Niedergang einer paradiesischen Musterstadt, in der Eissporthalle Erste Bank Arena. Dazu kommt eine Reihe von künstlerischen Projekten auch im öffentlichen Raum, die nach dem ersten Wochenende teilweise in andere Stadtteile weiterziehen. Auch die “Festwochen Bar” wandert danach weiter und macht als Ort der Begegnung bis zum Festival-Ende am 16. Juni noch im Volkstheater und in den Gösserhallen Station.

Im Festwochen-Programm 2019 finden sich Arbeiten u.a. von Performance-Künstlerin Angelica Liddell (“The Scarlet Letter”), Krystian Lupa (der Pole zeigt einen über fünfstündigen “Proces” nach Kafka) und Milo Rau (“Orest in Mossul”). Romeo Castellucci zeigt seine neue Produktion “La vita nuova” sowie seine Arbeit “Le Metope del Partenone”, bei der plötzliche Schicksalsfälle zu Skulpturen im Raum werden. Ersan Mondtag bringt in Koproduktion mit dem Berliner Gorki-Theater Sibylle Bergs “Hass-Triptychon” zur Uraufführung. Der Schwede Markus Öhrn untersucht in “3 Episodes of Life” Missbrauchsfälle im beruflichen Umfeld und zeigt zudem seine Installation “Bergman in Uganda”.

Gleich nach der Premiere in Paris kommt “Mary Said What She Said”, eine neue Zusammenarbeit von Regisseur Robert Wilson, Schauspielerin Isabelle Huppert und Autor Darryl Pinckney nach Wien. Der thailändische Filmemacher Apichatpong Weerasethakul zeigt im Theater an der Wien mit “Fever Room” sein erstes Projekt für einen Bühnenraum.

Üppiger “erster Entwurf” des neuen Intendanten

Die Wiener Festwochen bieten 45 Produktionen (darunter 10 Uraufführungen) von 430 Künstlern aus 19 Ländern. An 27 Spielorten in elf Bezirken gibt es 281 Vorstellungen, für die 45.000 Karten aufgelegt sind. “Ich bin overwhelmed”, meinte Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ), verwies auf die kurze Vorbereitungszeit und freute sich über “so einen schönen Anfang” einer mehrjährigen Intendanz.Der so angesprochene neue Festwochen-Chef Christophe Slagmuylder erinnerte in seinen auf Deutsch gehaltenen Einführungsworten daran, dass er erst seit vergangenen Juni in Wien arbeite. “Das war eine Überraschung für alle, auch für mich. Wenn ich ehrlich bin, war es nicht immer eine leichte Aufgabe. Ich habe aber gelernt, dass man auch in sehr wenig Zeit sehr viel schaffen kann.” Er habe auch gelernt, spontan zu sein und dies nicht nur als Beschränkung, sondern auch als große Inspiration zu empfinden. Sein erstes Festivalprogramm sei “ein erster Entwurf, ein Beginn. Es repräsentiert aber das, wofür ich stehe. Viel Arbeit, viele Ideen liegen noch vor uns.”

Die lange Liste der Eingeladenen umfasse nicht nur große, bekannte Namen, sondern auch viele aufstrebende oder für Wien neue Künstler, die u.a. im Hamakom Theater präsentiert werden, das Slagmuylder einen “vollkommenen Edelstein” nannte. Spielorte sind neben den Museumsquartier-Hallen aber auch das Volkstheater, das Schauspielhaus oder das Studio Molière. Viel Wert legt der neue Intendant auf Genre-Überschreitungen, wie sie etwa der Ungar Bela Tarr in “Missing People”, eine Mischung aus Film und Installation mit Livemusik, bietet.

Musik: Wichtige Rolle im neuen Programm

Musik spiele grundsätzlich eine wichtige Rolle in seinem Programm, sagte der Intendant und verwies etwa auf Christian Fennesz (“Er war wirklich ein Name, der mich in Brüssel begleitet hat”), der sein neues Album “Agora” im Volkstheater vorstellt, und auf “alternative Formen von Oper”, wie etwa von David Marton (“Narziss und Echo”). Besonders dem Publikum ans Herz legte er “Suite n.3 – Europe” der französischen Gruppe Enycyclopédie de la parole, die im Akademietheater ein Art Liederabend “in allen Sprachen, die in der Europäischen Union gesprochen werden”, zeigen. Material für dieses “heutige Porträt des europäischen Kontinents” bieten etwa Jobinterviews, Verschwörungstheorien oder Schimpftiraden.

Musik und Tanz verbindet sich etwa bei Anne Teresa De Keersmaekers Verarbeitung von Bachs Brandenburgischen Konzerten, François Chaignauds und Marie-Pierre Brébants Interpretation der Melodien von Hildegard von Bingen und Marcelo Evelins “physischem Kontrapunkt zu Schubert”. Nur zwei Produktionen habe er von seinem Vorgänger Tomas Zierhofer-Kin übernommen, erklärte Slagmuylder auf Nachfrage – “und auch zu denen hätte ich Nein sagen können”. Eine im Programmbuch enthaltene Produktion musste gecancelt werden: Künstler, die am NT Gent mit Faustin Linyekula die Produktion “Histoire(s) du Theatre II” erarbeiten sollten, bekamen von den belgischen Behörden keine Visa.

Tag vor Eröffnung: “Eine Rede an Europa” von Timothy Snyder

Einen Tag vor Eröffnung der Festwochen wird der US-Historiker Timothy Snyder am Judenplatz “Eine Rede an Europa” halten. Initiiert von der Erste Stiftung soll künftig stets am Europatag der Europäischen Union, an dem man am 9. Mai jedes Jahres der Schuman-Erklärung gedenkt, eine öffentliche Vorlesung am Judenplatz abgehalten werden. Es gibt nicht nur viele Vorstellungen, Konzerte, Workshops und Lectures, sondern auch Festwochen Partys – in der Erste Bank Arena (11. Mai) sowie in den Gösserhallen (29. Mai und 15. Juni).

Obwohl 2019 um die Hälfte mehr Produktionen und auch um 10.000 Karten mehr angeboten werden als im Vorjahr, ist das Budget laut Geschäftsführer Wolfgang Wais mit 12,6 Mio. Euro (davon 10,6 Mio. von der Stadt Wien) nahezu gleich geblieben. Man hofft auf rund 1 Mio. Euro Karteneinnahmen und hat die Sponsorenerlöse erhöht. “Wir sind guter Hoffnung, uns in diesem Jahr wirtschaftlich besser aufstellen zu können”, sagte Wais.

(APA/Red)

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