Wiener Ärzte vermuten Giftanschlag

Nach wochenlangem Rätselraten ist die Ursache der mysteriösen Erkrankung des ukrainischen Oppositionsführers Viktor Juschtschenko (50) weiter unklar - Ohne Untersuchung aber „nur Spekulationen“ - Attacke vielleicht nie nachweisbar.

Sein behandelnder Arzt Nikolai Korpan dementierte am Mittwoch einen Bericht der Londoner Tageszeitung „The Times“, wonach ein Giftanschlag auf Juschtschenko verübt worden ist. „Die Vermutung einer Vergiftung ist bis heute weder bestätigt noch ausgeschlossen worden“, sagte der Arzt im Wiener Privatspital Rudolfinerhaus. Die Ärzte hätten derzeit aber drei Vermutungen hinsichtlich der Krankheitsursache, die alle auf eine Vergiftung hinausliefen.

Die „Times“ (Mittwoch-Ausgabe) hatte Korpan mit den Worten zitiert, er könne „mit Sicherheit bestätigen, dass eine Substanz seine Krankheit verursacht hat. Er erhielt diese Substanz von anderen Menschen, die eine bestimmte Absicht hatten“. Auf die Frage, ob diese Menschen Juschtschenko hätten töten wollen, antwortete Korpan: „Ja, natürlich“. Es gebe „keine Diskussion“ mehr darüber, dass dem ukrainischen Präsidentschafskandidaten diese Substanz willkürlich verabreicht worden sei.

Weiter Untersuchungen unumgänglich

Gegenüber der APA relativierte Korpan diese Aussagen. Es könne nämlich sein, dass Untersuchungen an Juschtschenko keine der drei Vermutungen bestätigen. Dann sei die Frage der Krankheitsursache „wieder offen“. Eine Untersuchung Juschtschenkos sei unumgänglich. „Ohne den Patienten geht es nicht, bis dahin gibt es nur Spekulationen.“ Auch der Chef des Rudolfinerhauses, Michael Zimpfer, wies den „Times“-Bericht zurück. „Die Vergiftungstheorie ist keinesfalls bestätigt“, sagte er dem deutschen TV-Nachrichtensender N24.

Korpan bestätigte, dass eine Vergiftung mit Dioxin eine der zu überprüfenden Varianten sei. „Diese Vermutung ist dabei, und es ist unser Plan, dies zu prüfen.“ Zu den anderen Vermutungen wollte er sich unter Verweis auf die ärztliche Schweigepflicht nicht äußern. Es seien aber jüngst im Kontakt mit ausländischen Experten „neue Versionen und Vermutungen“ aufgetaucht, die nachgeprüft werden müssten. Auch Zimpfer stellte eine „Reihe von neuen und spezifischen Tests“ an Juschtschenko in Aussicht.

Möglicher Anschlag vielleicht nie nachweisbar

Korpan schloss nicht aus, dass ein Giftanschlag auf Juschtschenko möglicherweise nie wird nachgewiesen werden können, auch wenn er stattgefunden habe. Es gebe nämlich biologische Substanzen (Endotoxine), die schon sieben Stunden nach der Verabreichung weder im Blut noch im Urin nachweisbar wären. Ausgeschlossen habe man bisher die von ausländischen Ärzten ins Spiel gebrachte Variante einer Arsen-Vergiftung, da Juschtschenkos Blut bereits auf das Vorhandensein von Schwermetallen überprüft werden sei.

Die Anhänger von Juschtschenkos Gegenkandidat Viktor Janukowitsch hatten sich bisher über die Krankheit des Oppositionspolitikers lustig gemacht und sie „verdorbenem Sushi“ oder „dem Genuss von zu viel Cognac“ zugeschrieben. Aus Juschtschenkos Umfeld vermutete seit längerem, dass er vergiftet worden ist.

Der fünffache Vater Juschtschenko war am 10. September mit akuten Bauchschmerzen und Verletzungen an Kopf und Rumpf erstmals ins Wiener Privatspital eingeliefert worden. Die Ärzte diagnostizierten eine Entzündung im Magen, Dünndarm, in der Bauchspeicheldrüse und im Ohr, sowie eine Leberschwellung und die Lähmung eines peripheren Gesichtsnervs. Juschtschenkos Gesicht ist seitdem mit Pusteln und Wunden übersät.

“Schweigepflicht soll eingehalten werden”

Eine Woche später setzte Juschtschenko gegen dem Willen der Ärzte seine Wahlkampagne fort, musste dann aber Anfang Oktober wieder mit Rückenschmerzen im Rudolfinerhaus behandelt werden. Auf seinen „dringenden Wunsch“ kehrte er am 13. Oktober in die Ukraine zurück, um an Wahlkampfveranstaltungen teilzunehmen. Auf die Frage, ob Juschtschenko wieder genesen wird, sagte Korpan: „Das hängt in erster Linie von der Krankheitsursache ab“.

Der Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Reiner Brettenthaler, teilte in einer Aussendung mit, er verfolge die Diskussion um Juschtschenkos Gesundheitszustand „mit Sorge und ausdrücklicher Missbilligung“. Alle Beteiligten sollten die ärztliche Schweigepflicht konsequent einhalten.

Juschtschenko gewann die erste Runde der Präsidentenwahl knapp, unterlag aber nach offenkundigen Manipulationen dem pro-russischen Kandidaten Janukowitsch in der Stichwahl am 21. November. Erst nach tagelangen Protesten der Opposition erklärte der Oberste Gerichtshof in Kiew die Stichwahl für ungültig und setzte den 26. Dezember als neuen Wahltermin an.

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