Wer wenn nicht wir

Deutschland vor der RAF: Andres Veiels Spielfilm-Debüt beeindruckte schon bei der Berlinale und beleuchtet klug die Vorgeschichte der RAF. Ab 15. April im Kino.
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Regisseur Andres Veiel überrascht in seinem ersten Spielfilm “Wer wenn nicht wir” mit einem unerwarteten Blick in die deutsche Geschichte: Er beleuchtet vor allem Privates. Dabei nähert er sich Schlüsselfiguren der RAF (Rote Armee Fraktion) vor ihren Bluttaten. Durch die überaus packende Emotionalität des Dramas kann er auch Zuschauer erreichen, die sich im Kino ansonsten ausschließlich leichtfüßig unterhalten lassen möchten. Am Freitag startet “Wer wenn nicht wir” in den heimischen Kinos.

Im Zentrum stehen Bernward Vesper (August Diehl) und Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis). Sie lernen sich im Studium kennen. Er tritt zunächst kritiklos in die Fußstapfen seines Vaters, eines Nazi-Autors. Sie ist in Opposition zu ihrem Vater, einem Pfarrer, der aus ihrer Sicht als Soldat der Wehrmacht mitschuldig ist an den Verbrechen des deutschen Faschismus’. Beider Liebe wird vor allem gestärkt aus dem gemeinsamen Versuch, die Welt im Rahmen des Möglichen zum Guten zu verändern.

Während Bernward vor allem an die Kraft der Worte glaubt, vertraut Gudrun allein aufs Handeln. Der anarchische Wirrkopf Andreas Baader (Alexander Fehling), der die Macht der Gewalt anpreist, bestärkt sie darin. Für ihn verlässt sie Bernward und den gemeinsamen kleinen Sohn Felix. Mit Andreas Baader wird sie zur Terroristin. Die Zwei gehen in den Untergrund und damit zieht der sogenannte Deutsche Herbst herauf. Der Film endet mit dem Beginn des Mordens.

“Ich wollte einen Film machen, der an die Wurzeln geht – der das betrachtet, was die vielen anderen RAF-Filme nicht erzählt haben: die frühen Jahre”, sagt Veiel im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. “Die Filme fangen in der Regel alle mit den Schüssen auf Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 an. Dann kommt die Bilderschleife mit Rudi Dutschke.” Tatsächlich gelingt Andres Veiel so eine verblüffend intensive Auseinandersetzung mit einigen Ursachen des RAF-Terrors.

Diese Ursachen macht der Film vor allem in den kleinbürgerlichen Lebensmustern der Protagonisten aus. Wie die mit der damaligen westdeutschen Realität kollidierten, illustriert Andres Veiel durch den pointierten Einsatz von Dokumentarmaterial, wie zum Beispiel Fernsehberichten vom Schah-Besuch 1967 in West-Berlin und den daraus resultierenden Studentenunruhen. Die Ohnmacht derer, die gesellschaftliche Veränderungen erreichen wollen, aber keine Wege dafür finden, wird dabei beklemmend deutlich.

Neben der spannenden Handlung beeindrucken Lena Lauzemis und August Diehl in den Hauptrollen. Diehl gelingt es in wenigen Szenen und mit kleinsten darstellerischen Mitteln, das Abgleiten von Bernward Vesper in den Wahn zu zeigen, ohne dass die Figur beschädigt wird. Lena Lauzemis, Star an den Münchner Kammerspielen, steht ihm in nichts nach. Ihre Interpretation der Gudrun Ensslin beeindruckt mit Mut zur Wucht, wobei sie nie ins Grobe abgleitet.

So wie die Schauspieler alles Grelle vermeiden, setzt auch die Regie nie auf Effekthascherei. Andres Veiel fragt fast sachlich, wie aus ganz durchschnittlichen Menschen in sehr gewöhnlichen Lebensumständen Monster werden können. Damit bekommt die Erkundung jüngerer deutscher Geschichte eine zeitlose Aktualität. Und genau das macht die Größe dieses ungewöhnlichen Films aus. (Peter Claus/dpa-APA)

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