Weniger Studienanfänger nach Reform der Lehrerausbildung

Die Reform der Lehrerausbildung hat weniger Studienanfänger mit sich gebracht.
Die Reform der Lehrerausbildung hat weniger Studienanfänger mit sich gebracht. ©APA/HARALD SCHNEIDER
Die Reform der Lehrerausbildung hat bei der Zahl der Studienanfänger zu einem Rückgang geführt. Die Gewerkschaft warnt nun vor einem Personalmangel, beim Bildungsministerium gibt man jedoch Entwarnung.

Die Reform der Lehrerausbildung hat zu einem deutlichen Rückgang der Studienanfänger geführt. Bei der Primarstufe (Volksschule), wo sich die Studiendauer seit der Reform 2015/16 verdoppelt hat, ist die Zahl der Neueinschreibungen im Schnitt um 15 Prozent zurückgegangen. In der Sekundarstufe (u.a. Mittelschule, AHS, BMHS), deren Ausbildungsstruktur komplett umgekrempelt wurde, sind es minus 25 Prozent. Gewerkschafter warnen vor Personalmangel, das Bildungsministerium beruhigt.

Rückgang um 15 Prozent bei Primarstufe

Angehende Volksschullehrer stehen seit der Umstellung auf die "PädagogInnenbildung Neu" nicht mehr nach drei Jahren Bachelorstudium in der Klasse. Die Grundausbildung an den Pädagogischen Hochschule (PH) dauert nun vier Jahre. Für eine Fixanstellung muss außerdem ein Masterstudium (ein Jahr bzw. an manchen PH bei Schwerpunkten wie Inklusion 1,5 Jahre) draufgesetzt werden, dazu kommt noch ein Jahr Berufseinführung an der Seite eines erfahrenen Lehrers ("Induktionsphase"). Die Folge: Haben in den fünf Jahren vor der Umstellung jedes Jahr noch durchschnittlich rund 2.200 Personen die Ausbildung begonnen, waren es seither im Schnitt knapp 1.900, zeigen Daten der Statistik Austria.

Ausbildung in Sekundarstufe verlängert

In der Sekundarstufe dauert die Ausbildung in den allgemeinbildenden Fächern (etwa Deutsch, Geografie, Turnen) nunmehr insgesamt sechs Jahre plus ein Jahr "Induktionsphase". Im Vergleich zur bisherigen AHS-/BMHS-Lehrerausbildung an den Unis sind das eineinhalb Jahre mehr, im Vergleich zur Ausbildung der Mittelschullehrer an den Pädagogischen Hochschulen sogar vier Jahre. Außerdem wurde hier die Ausbildungsstruktur komplett umgekrempelt: Künftig werden alle Lehrer für den Altersbereich zehn bis 19 Jahre von Unis und PH gemeinsam ausgebildet und studieren damit gleichzeitig an mehreren PHs und Unis.

Die durchschnittliche Zahl der Studienanfänger im Sekundarbereich ist seither von rund 6.100 auf 4.600 zurückgegangen, wobei ein Vergleich wegen der geänderten Ausbildungsstruktur nur bedingt möglich ist. Weitere Einschränkung: Schon im Jahr vor der Reform ist an den Unis die Zahl der Lehramts-Studienanfänger um mehr als ein Viertel zurückgegangen, als fünf der acht Unis mit Lehramtsstudium Aufnahmeverfahren eingeführt haben.

Lehrergewerkschaft warnt vor Personalmangel

Für die Lehrergewerkschaft ist angesichts der Rückgänge Feuer am Dach. Es sei schon lange bekannt, dass wegen der Pensionierungswelle ein Personalmangel an den Schulen drohe und die neue Lehrerausbildung habe die Situation nun weiter verschärft, kritisiert der oberste Lehrervertreter Paul Kimberger (FCG) im APA-Gespräch. Diese sei zu lang und zu praxisfern. "Es braucht eine Reform der Reform, das war ein Schuss ins Knie", fordert der oberste Wiener Pflichtschul-Personalvertreter Thomas Krebs (FCG). "Wir haben Leute, die nach einer Woche sagen: So hab ich mir den Beruf nicht vorgestellt und den Dienst quittieren."

Massive Kritik gibt es auch an der einjährige Induktionsphase, bei der erfahrene Kollegen die Junglehrer beim Berufseinstieg begleiten sollen. Dass hier auch fachfremde Lehrer die Betreuung übernehmen dürfen, ist für BMHS-Lehrergewerkschafter Roland Gangl (FCG) ein Wahnsinn. Weil sich zu wenige Lehrer für diese Aufgabe fänden, sei das allerdings oft der Fall. Dazu komme, dass beim aktuellen Modell weder Mentor noch Junglehrer ausreichend Zeit für einen qualitätsvollen Austausch hätten. "Das Modell ist vollkommen realitätsfern."

Bildungsminsterium verspricht aktive Maßnahmen

"Durch die Reform wird die Ausbildung länger und in der Übergangsphase hat es Rückgänge gegeben", räumt Margareta Scheuringer, zuständige Sektionschefin im Bildungsministerium, gegenüber der APA ein. Eine Verschärfung des Lehrermangels - in manchen Fächern gibt es schon länger zu wenig ausgebildetes Personal, zusätzlich rollt eine Pensionierungswelle - befürchtet Scheuringer dennoch nicht. "Wir setzen sehr aktiv Maßnahmen dagegen", betont sie. Das Ministerium hat die Bedarfserhebung verbessert, hier gebe es eine enge Abstimmung mit Unis, PHs und Studienberatung. "Es soll jeder wissen, in welchen Fächern man jemanden braucht und wo es Überkapazitäten gibt."

Änderungen gibt es auch bei der Personalsteuerung über die Bildungsdirektionen, wo nun bei Bedarf Lehrer stärker auch über Bundesländergrenzen hinweg vermittelt werden sollen. So herrsche etwa bei den Volksschullehrern in Oberösterreich vor allem im ländlichen Raum ein Mangel, während es gleichzeitig in Salzburg einen Überhang gebe. Zusätzlich soll es ein neues, praxisnahes Angebot für Quereinsteiger geben, die ein facheinschlägiges Studium abgeschlossen haben und schon mit Sondervertrag an einer Schule unterrichten.

Sprecher der PH-Rektoren befürchtet keinen Personalmangel

Aufgrund dieser Maßnahmen und der Anstrengungen von Unis und PHs befürchtet auch der Sprecher der PH-Rektoren, Christoph Berger von der Kirchlichen PH Wien/Krems, trotz des Minus bei den Studienanfängern keinen Personalmangel. Reformbedarf sieht er bei der Lehrerausbildung trotzdem, etwa beim Verhältnis von Fachwissenschaft/Fachdidaktik und der praktischen Ausbildung an den Schulen. Bei der pädagogisch-praktischen Ausbildung werde derzeit von Unis und PHs gemeinsam ein neues Konzept entwickelt.

Scheuringer verweist auf eine noch bis 2022 laufende Evaluierung der neuen Lehrerausbildung durch den Qualitätssicherungsrat und die PH St. Gallen, bei der auch immer wieder genannte Kritikpunkte wie Studiendauer und Praxisanteil genau angeschaut werden. Ob es tatsächlich die von den Lehrervertretern geforderte "Reform der Reform" brauche, werde von den Ergebnissen abhängen. Schon jetzt werde allerdings an Verbesserungen beim Praxisanteil gearbeitet. Eine Arbeitsgruppe entwickle hier gerade einen Qualitätsrahmen dafür, wie viel Kontakt die Lehramtsstudierenden mit den Schülern haben. Und auch bei der Induktionsphase werde genau begutachtet, was die Junglehrer für einen gelungenen Einstieg in den Beruf brauchen.

Nachbesserungen bei Induktionsphase notwendig

Dass bei der Induktionsphase vor allem im Sekundarbereich nachgebessert werden muss, legt auch eine Studie des Zentrums für Lehrer*innenbildung der Uni Wien nahe: Die Mentoren sollen ihre Schützlinge beim Berufseinstieg begleiten, gleichzeitig aber am Ende per Gutachten mitentscheiden, ob diese einen Posten bekommen. Dabei sollen sie auch die fachliche Eignung bewerten, obwohl die Mentoren nicht aus dem selben Fachbereich kommen müssen wie die betreuten Junglehrer. Weitere Mankos: Die Junglehrer würden in den begleitenden Lehrveranstaltungen keinen Zusatznutzen erkennen, es ist kein Kennenlernen verschiedener Schultypen vorgesehen und die organisatorischen Rahmenbedingungen (etwa Umfang der Beratungszeit) sind schwierig. Scheuringer will hier genau hinschauen. "Wir greifen gewisse Themen, wo wir wissen, da gibt es Handlungsbedarf, schon sehr aktiv an."

(APA/Red)

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