Weiße Tauben über der Türkei

Der Papst ließ weiße Tauben in den Himmel aufsteigen, Schulkinder sangen ein fröhliches Lied, dankbare Katholiken lachten und winkten: Pressestimmen

So endete am Freitag mit einer Messe in Istanbul der viertägige Besuch von Papst Benedikt XVI. in der Türkei. Als das Kirchenoberhaupt zu Mittag in einer fahnengeschmückten Sondermaschine der „Turkish Airlines“ zum Rückflug nach Rom startete, da dürfte es ihm leichter ums Herz gewesen sein als auf dem Rückweg von seinem Besuch in Deutschland vor knapp drei Monaten. Den Zwist mit der islamischen Welt, den er damals mit seiner Regensburger Rede begonnen hatte, den legte Benedikt jetzt in der Türkei mit versöhnlichen Worten und gut gewählten Gesten wieder bei – und selbst der Mufti von Istanbul erteilte ihm dafür seinen Segen. „Gewichtiger als eine mündliche Entschuldigung“ für die Regensburger Rede sei Benedikts Auftritt in der Blauen Moschee gewesen, als er gen Mekka gewandt im Gebet verharrte, begeisterte sich der Mufti, Mustafa Cagrici – immerhin oberster Glaubensführer der 15 Millionen Muslime im Großraum Istanbul. „Eine wunderbare Geste“, sagte der Mufti, der Benedikt zu diesem Gebet eingeladen hatte. „Damit hat der Papst den Muslimen eine deutliche Botschaft gesandt.“ Auch der prominente islamische Theologe Mehmet Nuri Yilmaz begrüßte Benedikts Auftreten in der Blauen Moschee als „große Geste an die islamische Welt“. Als „sehr positiv“ bewertet Ali Bardakoglu, der Chef des staatlichen Religionsamtes und bisher schärfste Kritiker des Papstes, die Visite.

Vergeben und vergessen ist Regensburg seit dem Meditations-Gebet in der Blauen Moschee auch von der türkischen Öffentlichkeit. Ganz nah fuhren die türkischen Fernsehkameras auf Benedikts Hände, die er nicht auf christliche Art gefaltet, sondern nach islamischer Sitte überkreuzt hielt. „Der Frieden von Istanbul“, titelte eine Zeitung dazu am Freitag. „Ein historischer Moment“, darin waren sich fast alle Leitartikler einig.

Unablässig wiederholten die TV-Sender auch am Freitag noch die Bilder von den nebeneinander betenden Papst und Mufti. Der Papst habe die Herzen und Hirne der Türken erobert, kommentierte ein Blatt. Tatsächlich mochte auf den Straßen von Istanbul am Freitag kaum noch jemand ein schlechtes Wort über den Papst verlieren. Eine überraschend „gute Einstellung“ habe Benedikt an den Tag gelegt, sagte ein Passant am Bosporus. Der Papst habe die Türken mit seinem Besuch für sich gewinnen können, meinte eine Spaziergängerin.

Um diesen Stimmungsumschwung zu bewirken, musste Benedikt XVI. im Verlauf seines Besuchs ziemlich dick auftragen: Das Atatürk-Zitat im Gästebuch, die türkischen Sätze bei der Messe in Ephesus, der Auftritt mit der türkischen Fahne, der Besuch in der Blauen Moschee und zum krönenden Abschluss auch noch das Gebet mit dem Mufti – mit all diesen Gesten und Symbolen unterstrich der Papst seinen Versöhnungswillen, bis auch der letzte Zuschauer vor den Abendnachrichten die Botschaft verstanden hatte. Manchem wurde der gute Wille schon zu viel: „Wenn der Besuch noch ein, zwei Tage länger gedauert hätte, wäre der Papst wohl noch zum islamischen Glauben übergetreten“, spottete der Kolumnist Emin Cölasan in der Zeitung „Hürriyet“.

Reine Nebensache blieb für die Türken dabei der eigentliche Zweck von Benedikts Besuch, bei dem es um eine Wiederannäherung zwischen der katholischen und orthodoxen Kirche ging. Ein historischer Triumph war die Visite auch in dieser Hinsicht, setzten der Papst und der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel die Kirche doch auf die Spur zur Überwindung ihrer tausendjährigen Spaltung. Von dieser Facette des Besuchs nahm die türkische Öffentlichkeit jedoch kaum Notiz. Dafür ging den Türken das Herz noch einmal auf, als Benedikt in der Abflughalle des Atatürk-Flughafens am Teegläschen nippte und bemerkte, ein Teil seines Herzens bleibe in Istanbul…

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