"Watschenmann": Karin Peschka taucht ins Nachkriegs-Wien ein

Eintauchen ins Nachkriegs-Wien
Eintauchen ins Nachkriegs-Wien ©DPA (Archiv)
Der "Watschenmann", der Debütroman von Karin Peschka, fängt freiwillig Schläge ein. Wie ein Blitzableiter will er dafür sorgen, dass der "Kriegswurm" besiegt wird, dass die Menschen die in ihnen steckenden Aggressionen abbauen.

Das ist das Zentralmotiv des Debütromans “Watschenmann” von Karin Peschka, bereits ausgezeichnet mit den Literaturpreisen Wartholz und Floriana und die aktuelle Nummer drei der ORF-Bestenliste.

Debütroman von Karin Peschka

Die 1967 geborene, in Wien lebende Oberösterreicherin, die sich in ihrer Arbeit u.a. mit alkoholkranken Menschen und arbeitslosen Jugendlichen befasst hat, siedelt ihren Roman im Wien des Jahres 1954 an. Stalin stirbt, Bürgermeister Franz Jonas wirkt, und die Menschen bereiten sich darauf vor, dass die Besatzungsmächte Österreich verlassen. Doch der Krieg ist noch nicht endgültig überwunden.

Die ehemalige Prostituierte Lydia hofft weiterhin darauf, dass ihr Verlobter aus der Gefangenschaft zurückkehren wird und hält für diesen Tag seine einstige Schuster-Werkstätte bereit. Der junge Heinrich hingegen hat die fixe Idee, er müsse die Wut aus den Menschen herauslocken, um sie endgültig zu befrieden. Dass in ihnen weiterhin großes Gewaltpotenzial steckt, erfährt er nahezu täglich am eigenen Leib – und verdient sich ein paar Schilling damit, wenn sie es bereuen. Und dann gibt es noch den serbischen Boxer Dragan in diesem Wiener Hinterhof-Biotop, das den Schauplatz des Romans bildet. Er ist Lydias Gefährte auf Abruf (dass sie dem Schuster “gehört”, macht sie jedem unmissverständlich klar) und Heinrichs Ziehvater.

Die Nachkriegszeit in Wien

Peschka gelingt es hervorragend, eine dichte Atmosphäre entstehen zu lassen. Sprache spielt dabei eine große Rolle – von den vielsagenden Kapitelüberschriften über serbische Einsprengsel bis hin zum gebrochenen Deutsch des hilfsbereiten US-Soldaten Elmer, der mit “Heinrich, Heiner, Freund Hein” Freundschaft schließt und mit Helene, der Schwester von zwei kriegsblinden Brüdern, eine zarte Liebschaft anfängt. Nur manchmal wird mit Randfiguren wie einem armseligen “Kummerl” oder einem gespenstischen Alt-Nazi, in dem im neuen Wahnsinn die alte Gefährlichkeit aufblitzt, ein Schritt zu viel gemacht – von der Horváth-Fortschreibung zur Geisterbahn.

Dass sich in dieser kleinen Welt über viele Seiten und einige Monate des von Jänner bis Oktober reichenden Buches nicht sonderlich etwas tut, ist eine Schwäche, die man ihm dann nachsieht, als endlich ein wenig Schwung in die Handlung kommt. Doch Peschka bleibt konsequent: Sie legt den Keim für große Tragödien und zarte Hoffnungen, für Enttäuschung und Neuanfang, aber sie verzichtet darauf, mit langem epischen Atem darüber zu wachen, welche Saat aufgeht. Das überlässt sie lieber den Lesern.

Karin Peschka ist mit dem “Watschenmann” für den Rauriser Literaturpreis nominiert. Die Chancen stehen gut.

Karin Peschka: “Watschenmann”

  • Otto Müller, 22 Euro
  • Lesung: 9. Februar, 20 Uhr, Café Museum, Wien

(APA)

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