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Warten auf Gott in der Josefstadt: "Firlinger"

Die posthume Uraufführung des letzten Stücks von Norbert Silberbauer auf der Josefstadt-Probebühne erntete Jubel: Martin Zauner berührte als von Gott verlassener Messdiener.

Wie fühlt es sich an, wenn man sein gesamtes Leben Gott gewidmet hat, alle Entbehrungen inklusive, und in der Stunde des Todes lässt er einen dann einfach sitzen? Kein Engel, keine Maria, nur ein kahler Warteraum mit einer Parkbank aus kaltem Stahl. Diese vorhöllische Situation, wie der brave Mesner Franz Firlinger sie sich nicht im schlimmsten Alptraum ausgemalt hat, durchleuchtet der im Vorjahr verstorbene niederösterreichische Autor Norbert Silberbauer in seinem Stück “Firlinger”, das gestern, Dienstag, auf der Probebühne des Theaters in der Josefstadt seine umjubelte Uraufführung feierte.

Da sitzt er also und wartet. Gott muss ihn besonders lieben, schließlich hat er ihn schon mit 40 Jahren zu sich geholt, besonders symbolträchtig noch dazu: Franz Firlinger wurde in der Kirche während des Betens von einem abgebrochenen Gips-Engel erschlagen. Das freut nicht nur ihn, auch dem Pfarrer, der “Ökumene gern mit Ökonomie verwechselt” und ein 50.000 Euro-Auto fährt statt die Kirche zu renovieren, wird dieser spektakuläre Tod bestimmt ein paar Fernsehinterviews, Vorsprachen bei diversen Politikern und schlussendlich viel Geld für die zerbröselnde Kirche einbringen. Wie wird Firlinger Gott gegenübertreten? Soll er ihn umarmen? Beten? Oder sich ganz förmlich vorstellen? Aber wozu, Gott weiß alles. Beruf, Alter, Familienstand und Sozialversicherungsnummer. Nein, das ist ja kein Vorstellungsgespräch.

Und weil der Erlöser nicht in Sicht ist, kommt Firlinger, dem Martin Zauner eine mitleiderregende Gottesfürchtigkeit einhaucht, ins Grübeln. Warum duzen wir Gott eigentlich, fragt er sich etwa, und probiert das “Vater Unser” mal in der Sie-Form aus: “Vater unser, der Sie sind im Himmel…”. Aber egal was er versucht, niemand kommt, um ihn abzuholen. Was ist schief gelaufen? Er war doch erst vor zwei Tagen beichten, inzwischen kann er doch gar keine neue Sünde begangen haben. Für’s Sündigen bleibt ja gar keine Zeit: Aufstehen um fünf Uhr, dann in die Kirche, tagsüber in der Druckerei, danach wieder Kirche, eine halbe Stunde Fernsehen und um zehn Uhr ins Bett. Nein, er hat alles richtig gemacht. Nicht einmal dem verführerischen “Klick Mich”-Button zwischen den gespreizten Beinen einer jungen Dame auf der Startseite seines Internet-Browsers ist er erlegen.

Auch Regisseurin Elke Schwab ist wunderbar unbarmherzig. Die Bühne bleibt den ganzen Abend unverändert, nicht einmal die Uhren in der Wartehalle – New York, London, Retz, Moskau, Sydney – haben Zeiger. Martin Zauner ist auf sich gestellt, ab und zu darf er eingespielte Kirchenlieder dirigieren, das ist schon alles. Und er meistert sein banges Hoffen auf Erlösung bravourös. Mit der Beklemmung steigen auch die Zweifel. Ein paar kleine Sünden werden ans Tageslicht befördert, die Zuschauer erfahren vom späten “Ersten Mal” mit 28 inklusive Vorhauteinriss und Krankenhaus, von der gefundenen dicken Brieftasche des Notars und dem anschließenden Besuch im Freudenhaus, der ohne Freude endete: Was, wenn die Prostituierte keinen Orgasmus bekommt, schoss es Firlinger damals durch den Kopf. Und weg war er. Gebüßt hat er alles mit Kieselsteinen in den Schuhen. Und er hat ja auch viel Gutes getan. Wer hat denn den Flüchtlingen aus dem Kosovo in der eigenen Wohnung Asyl gewährt?

Und so kommt es, wie es kommen muss: Firlinger bricht mit Gott, mit seiner angebeteten Maria, mit der Kirche, den Geboten – alles Lüge. Könnte er doch nur wieder zurück. Er würde nichts anbrennen lassen. Immer weiter spielt sich Zauner in verzweifelten Wahnsinn, das ungewisse Warten wird zur Qual. Und ohne es zu wissen, traf Silberbauer am Ende seines Stücks die aktuelle Debatte: Die Kritik am Zölibat. Denn: “Ich verstehe sowieso nicht, wie die Kirche zu ihren Priestern so grausam sein kann, ihnen das Alleinsein vorzuschreiben. Das ist unmenschlich. Lieblos. Alleingelassene müssen die Liebe predigen. Unmöglich.”

Langanhaltender Applaus, Bravo-Rufe und Standing-Ovations für die One-Man-Show von Martin Zauner beschloss den 75-minütigen Abend, der angesichts des frühen Todes des Autors – Silberbauer hatte seinem Leben angesichts einer schweren Erkrankung vorzeitig ein Ende gesetzt – besonders betroffen macht.

“Firlinger” von Norbert Silberbauer
18., 20. und 27. März sowie 14., 17. und 21. April, jeweils um 20 Uhr

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