Von "Angsträumen" und Rückzugsorten: Kriminalitätsprävention im öffentlichen Raum Wien

Mit Maßnahmen in der Stadtplanung können öffentliche Räume sicher gestaltet werden.
Mit Maßnahmen in der Stadtplanung können öffentliche Räume sicher gestaltet werden. ©Udo Häberlin
Wie gestaltet man öffentliche Plätze so, dass sich die Menschen sicher fühlen? Kann mit stadtplanerischen Maßnahmen Kriminalität im öffentlichen Raum verhindert werden? VIENNA.at hat mit Udo Häberlin von der Abteilung für Stadtentwicklung der Stadt Wien über das Thema Kriminalitätsprävention im öffentlichen Raum gesprochen.

VIENNA.at: Was versteht man eigentlich unter Kriminalitätsprävention im öffentlichen Raum?

Udo Häberlin: Grundsätzlich ist zu betonten, dass das Thema ein breites Feld bietet und differenziert betrachtet werden muss.Vermögenskriminalität wie Raub oder Diebstahl sind größere Themen, als körperliche Gewalt, die meist im Privaten, in der Wohnung stattfindet. Und es sind nicht die Räume an sich kriminell, sie werden so von Menschen empfunden.  Bei öffentlichen Räumen ist eine Unterscheidung in Wohngebiete (Auto-, Einbruch), und urbane Plätze/Veranstaltungen (viele Menschen) hilfreich. Hier sind auch die oft so genannten Angsträume zu nennen. Aus den Statistiken wissen wir, dass es einen Unterschied zwischen der subjektiven Sicherheit – also dem persönlichen Sicherheitsempfinden – und den objektiven Zahlen gibt. Hier kann bereits mit planerischen Maßnahmen ein verbessertes Sicherheitsgefühl erzeugt und Vorsorge getroffen werden, damit Kriminalität erst gar nicht im öffentlichen Raum entsteht. Das ist natürlich mit Planungskriterien, wie zum Beispiel Einsehbarkeit, verbunden. Ungemütliche, uneinsehbare Räume sollen in der Planung vermieden werden. Natürlich sind auch Nischen und „intimere“ Orte wichtig, wesentlich dabei ist aber, dass man sie einsehen kann. Ein weiteres Planungskriterium ist auch die Beleuchtung. Wobei  man nicht sagen kann, je heller, umso sicherer. Es sollte alles so beleuchtet sein, dass man sich sicher fühlt, es trotzdem aber auch „Rückzugsorte“ gibt. Man redet dabei von einem abgestuften Lichtkonzept: Dass die Hauptwege relativ ausgeleuchtet, aber die seitlichen Sitz- und Aufenthaltsmöglichkeiten auch gemütlich sind. Das ist auch eine Frage der richtigen Lichttemperatur.

VIENNA.at: Mit welchen Maßnahmen wird die Kriminalprävention in der Stadtplanung umgesetzt?

Udo Häberlin: Im Bebauungsplan wird z.B. darauf geachtet, dass es Durchwegungen gibt, dass keine Sackgassen oder unbelebte Räume entstehen. Wegesysteme sind ja auch Lebensadern, die ein Gebiet mit Frequenz, im besten Falle mit Leben versorgen. Auf der Ebene der Platzgestaltung, der Gestaltung öffentlichen Raums, sind es dann Kriterien wie eben die Sichtbarkeit, Übersicht, Orientierung und Einsehbarkeit/Transparenz. Aber auch funktional ist eine Mischung aus Transitraum der belebt sowie  Verweilraum, der ruhiger angeordnet ist, wichtig. Es sollen keine dunklen oder unbelebten Ecken entstehen, da in diesen zuerst die Gefahr von sogenannten „Disorderphänomenen“ – also z.B. Verwahrlosung – entsteht.

VIENNA.at: Wie sieht ihre Arbeit konkret aus?

Udo Häberlin: Als Abteilung für Stadtentwicklung, die sich in erster Linie mit übergeordneten Konzepten und Strategien auseinandersetzt,  machen wir Bewusstseinsbildung in den umsetzenden Dienststellen für entsprechende stadtplanerische Maßnahmen. Ein Beispiel über die Kriterien wie Einsehbarkeit oder Beleuchtung hinausgehend: So wie beim Licht gilt auch bei der Videoüberwachung, dass man nicht generell sagen kann, je mehr Videoüberwachung, desto sicherer. Das hat eben auch einen kritischen Punkt – bei zu viel Überwachung  wird es eher unsicherer. Weil dann die Menschen meinen, da muss ja irgendein Brennpunkt sein. Auf solche Dinge z.B. versuchen wir aufmerksam zu machen.

VIENNA.at: Welche Räume in der Stadt machen Angst? Was erzeugt ein unangenehmes Gefühl?

Udo Häberlin: Grundsätzlich ist es ganz schwierig, generelle Aussagen zu treffen, die Ursachen der subjektiven (Un-)Sicherheit sind komplex. Es handelt sich um ein persönliches Gefühl das mit Erfahrungen, aber auch mit Risikobereitschaft zu tun hat. Die Einflüsse dazu sind vielschichtig und kompliziert in ihren Wechselwirkungen. Immer mehr komme ich zum Schluss, dass die persönliche Identitätskonstruktion (national, lokal, personal…) durch viele aktuelle Veränderungen gefährdet ist. Beispielsweise befinden wir uns in einem Wandel der Arbeitsverhältnisse oder ähnlich ist es mit einer lokalen Identität. Die Lebenswelten, der lokale Raum – selbst ganze Städte und Regionen verändern sich.

Für den öffentlichen Raum gilt: Je monofunktionaler ein Raum, desto schwieriger ist er. Parkplätze vor Supermärkten, die nachts leer sind, sind nicht ideal. Auch Discoparkplätze im Gewerbegebiet sind oft schwierig. Je funktionsgemischter ein Raum, desto besser. Das, um was es geht, ist die Belebung eines Raumes zu möglichst unterschiedlichen Zeiten. Der Fachbegriff hierzu ist „Social Eyes“, also soziale Augen. Das bedeutet Belebung und letztendlich Beobachtung – ich will aber nicht sagen, Überwachung. Sodass niemand das Gefühl haben muss, dass er alleine ist und dass er, falls ein Notfall wäre, niemanden hätte, der ihm zu Hilfe kommt. Das macht sicherer.

Aber das ist alles präventiv. Wir leben in einer der sichersten Städte der Welt und es ist nicht so, dass im öffentlichen Raum so viel passiert, wie man ständig denkt. Wie bereits gesagt: Körperliche Gewalt findet meist im Privaten statt und die körperliche Gewalt, die im öffentlichen Raum passiert, ereignet sich meist unter Leuten, die sich kennen. Was im öffentlichen Raum wahrgenommen wird, ist eine fremde, unbestimmte Angst. Diese ist großteils unbegründet.

VIENNA.at: Wann werden Räume, die als unsicher empfunden werden, – wie zum Beispiel dunkle Ecken – zum Problem?

Udo Häberlin: Bei dunklen Ecken wissen wir zum Beispiel, dass sie von Menschen als unangenehm empfunden werden. Das ist solange kein Problem, solange sie nicht gezwungen werden dort durch zu gehen. Wenn es also genügend Alternativen und Abstand zu den Wegen gibt. Zum Beispiel am Gürtel. Da gibt es natürlich immer wieder Bögen, die als unsicher empfunden werden. Solange man aber nicht gezwungen ist, dort zu gehen und z.B. die andere Straßenseite nutzen kann, sind sie kein Problem. Ein Problem wird es erst, wenn jemand einen zu großen Umweg gehen müsste oder nicht gehen kann und dann durch so einen Raum, der als unsicher wahrgenommen wird, gehen muss.

VIENNA.at: Kann Kriminalität durch stadtplanerische Maßnahmen, wie beispielsweise mit viel Licht, Transparenz, verhindert werden?

Udo Häberlin: Wie bereits erwähnt sind ja nicht die Räume die Ursache. Aber die planerischen Rahmenbedingungen können „Tatgelegenheiten“ beeinflussen. Dies tun sie natürlich stetig. Die Schwierigkeit ist der Nachweis der Einflussfaktoren. Man kann ja nicht nachweisen, wie viel schlechter es wäre, wäre eine Maßnahme nicht gesetzt worden. In diesem Zusammenhang sind auch Vergleiche mit anderen Städten und deren Brennpunkten interessant. Hier man muss sagen, die Sicherheit, selbst das Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum ist gut in Wien.

(Red.)

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