Vom Folteropfer zur Staatsspitze

Ein weibliches Opfer steht vor dem Sprung an Chiles Staatsspitze. Michelle Bachelet wurde während der Militär-Diktatur als aktives Mitglied der Sozialistischen Jugend gefoltert. Frauenära in Lateinamerika?

In Chile geht es Ex-Diktator Augusto Pinochet wegen Menschenrechtsverletzungen und Steuerhinterziehung an den Kragen. Aber nicht nur das: Bei den bevorstehenden Präsidentenwahlen wird Umfragen zufolge etwas passieren, was sich der greise General nie träumen hätte lassen: Mit Michelle Bachelet hat eine sozialistische Kandidatin und ein ehemaliges Folteropfer seiner Schergen beste Chancen, Präsidentin zu werden. Entweder bereits am 11. Dezember oder spätestens bei einer Stichwahl im Jänner.

Bachelet geht bei den Wahlen in dem südamerikanischen Land, bei denen neben der Besetzung des Präsidentenamtes auch die 120 Abgeordneten des Parlaments und die Hälfte des Senats bestimmt werden, für die Mitte-Links-Regierung („Concertacion“) ins Rennen. Die „Concertacion“ ist eine Koalition aus Christdemokraten, Sozialisten und Sozialdemokraten. In Umfragen liegt sie je nach Institut zwischen 38 und 40 Prozent. Ihre Ausgangslage wird dadurch begünstigt, dass die rechte Koalition „Alianza“ diesmal nicht als Einheit auftritt. Das Stimmenpotenzial teilen sich der Unternehmer Sebastian Pinera von der Nationalen Erneuerung (RN) sowie der ehemalige Bürgermeister von Santiago de Chile, Joaquin Lavin, von der Unabhängigen Demokratischen Union (UDI), mit rund 22 bzw. 16 Prozent untereinander auf.

Das Bündnis „Juntos podemos“ („Gemeinsam können wir“) aus Kommunisten, Humanisten und Grünen mit Tomas Hirsch hat zum Ziel, mit zehn Prozent der Stimmen ins Parlament einzuziehen. Umfragen geben ihnen aber höchstens sieben Prozent. So dürfte es zum vierten Mal in Folge seit Ende der Diktatur 1990 eine Regierung der „Concertacion“ geben. Bachelet ist Tochter eines Generals der chilenischen Luftwaffe während der Regierungszeit von Salvador Allende. Nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 wurde er festgenommen und gefoltert. Er starb in der Haft. 1975 verschleppte der Geheimdienst auch die Tochter als aktives Mitglied der sozialistischen Jugend. Sie kam in das berüchtigte Gefängnis „Villa Grimaldi“, wo sie ebenfalls wochenlanger Folter ausgesetzt war. Allerdings räumte sie später ein: „Elektroschocks habe ich keine bekommen. Anderen ist es weit schlimmer gegangen.“

Danach ging Bachelet bis 1979 ins Exil. Erst nach Österreich und Australien, dann studierte sie Medizin in der DDR (Ostberlin) und wurde Kinderärztin. Ab 1980 war sie wieder daheim und im Widerstand gegen die Pinochet-Diktatur aktiv. Nach deren Ende erreichte ihre politische Karriere einen vorläufigen Höhepunkt, als sie von Präsident Ricardo Lagos zwischen 2000 und 2004 zur Gesundheits- und später sogar zur Verteidigungsministerin berufen wurde. Ein vielsagendes Detail, das vom Wandel der chilenischen Gesellschaft zeugt.

Die allein erziehende Mutter dreier Kinder war als Verteidigungsministerin Chefin der Streitkräfte, die einst ihren Vater umgebracht hatten. Bei ihrem Amtsantritt sagte sie lakonisch zu den Generälen: „Ich weiß, dass ich alle Todsünden begangen habe, aber wir werden trotzdem gut zusammenarbeiten.“ Die chilenische Presse jedenfalls hatte ihre Titelbilder: Eine 1,65 Meter große Frau im blauen Kostüm, blond mit Pilzhaarschnitt und Brille, nahm strammen Uniformierten die Militärparade ab.

Der 90-jährige Pinochet ist trotz momentaner Brisanz seines „Falls“ im Wahlkampf nur ein Randthema. Die Kandidaten sind sich einig, dass es auch andere Probleme zu lösen gibt. Die Medien sprechen von den „drei großen D“: Delincuencia, Desempleo, Desigualdad, also Verbrechen, Arbeitslosigkeit und Ungleichheit. Zwar geht es Chile nicht zuletzt dank seiner Kupfervorkommen wirtschaftlich gut, auch wurde die absolute Armut erfolgreich reduziert, die ungleiche Verteilung der Einkommen und damit die Schere zwischen Arm und Reich wird aber immer größer

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