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Vize-Bürgermeister Sepp Rieder geht

Sepp Rieder
Sepp Rieder ©APA
Die Graue Eminenz der Wiener Stadtregierung wird Pensionist: Montag wird der Nachfolger von Vizebürgermeister und Wirtschaftsstadtrat Sepp Rieder (67) präsentiert.

Damit verabschiedet sich der Finanzfachmann mit großem Detailwissen und Fädenzieher der Wiener SPÖ. Eigentlich hatte Rieder erst Mitte des Jahres gehen wollen – die anstehende Personalrochade wegen der Regierungsbildung im Bund verlegte seinen Abgang jedoch vor.

Rieder, am 25. Dezember 1939 in Wien geboren, ist bereits seit 1989 Mitglied der Wiener Stadtregierung. Zunächst Gesundheitsstadtrat, übernahm er Ende 2000 das Finanz- und Wirtschaftsressort. Zuvor hatte der Jurist als Richter und für den SP-Justizminister Christian Broda gearbeitet. In den 1980ern saß er auch im Nationalrat und fungierte als SP-Justizsprecher.

Der verheiratete Vater zweier Kinder setzte danach als Gesundheitsstadtrat einige Neuerung durch, wie etwa die Gründung der weisungsfreien Patientenanwaltschaft. Zentrales Element seiner Amtszeit war aber der Abschluss der Spitalsreform. Auch die 2001 vollendete Ausgliederung des Krankenanstaltenverbundes wurde in seiner Amtszeit vorbereitet.

Zusätzlichen Einfluss gewann Rieder, als er die Stadtfinanzen hütete. Wirtschaft fördern, so dass sie mehr Arbeit schaffen kann, war einer seiner Grundsätze. Aber auch Unangenehmes wie die Erhöhung von Gebühren und zahlreiche Ausgliederungen kommunaler Unternehmen wurden von Rieder verkündet. So machte er sich im Rathaus zuletzt mit der Idee nicht unbedingt beliebt, die Müllabfuhr auszugliedern. Beschäftigt haben ihn zuletzt auch die nicht immer rosige Arbeitsmarktsituation sowie die Standortpolitik – wobei er sich massiv dafür einsetzte, Konzernzentralen anzusiedeln.

Aber auch als politische Feuerwehr betätigte sich Rieder oft und gerne: Als Decken von Pflichtschulen zu bröckeln begannen, schnürte er ein Sanierungspaket. Beim Genehmigungs-Wirrwarr um neue U-Bahnen war es Rieder, der mit dem Bund verhandelte. Und im Gesundheitsbereich brachte er 2005 die Verhandlungen um die Finanzierung des AKH nach langen Jahren zum Abschluss.

Zu Rieders wohl größten Erfolgen zählte sein Einsatz als Chefverhandler der Bundesländer beim Finanzausgleich 2004. Zugleich wurde das Ergebnis zu einer seiner größten Niederlagen: Die Vereinbarung wurde von seiner eigenen Partei gekippt.

Als Präsident des Bundes sozialistischer Akademiker (BSA) zwischen 1990 und 2002 klärte Rieder dessen Rolle bei der Rehabilitierung ehemaliger Nationalsozialisten. Das Aufdecken der „braunen Flecken“ stieß aber nicht nur auf Zustimmung: Aus Protest trat der inzwischen verstorbene Alt-Bürgermeister Leopold Gratz aus dem BSA aus.

Im persönlich Umgang ist Rieder stets freundlich und umgänglich – dem Vernehmen nach auch ein Kennzeichen seines Verhandlungsstils. In der Sache konnte er sich aber zäh und unerbittlich zeigen. Rieder war immer gut informiert und galt als Vielarbeiter, der des Öfteren auch während des Urlaubs ins Büro kam. Lang war übrigens nicht nur Rieders Karriere – auch seine Presseaussendungen hatten einen legendären, beinahe biblischen Umfang.

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