Vince Lelard: "Ich bin ruhiger geworden"

Vince Lelard: "Ich bin ein emotionaler, intensiver Mensch"
Vince Lelard: "Ich bin ein emotionaler, intensiver Mensch" ©vienna.at
Am Sonntag treffen die Raiffeisen Vikings im EFL-Semifinale in Wien auf die Graz Giants. Vince Lelard, Offensive Coordinator der Vikings, im Exklusiv-Interview über die Grazer, die Wikinger, über das Potenzial von Quarterback Chris Gross und warum er in dieser Saison ein besserer Trainer ist als in der letzten.

Vienna Online: Die Vikings treffen am Sonntag auf die Graz Giants. Im EFL-Semifinale geht es um den Finaleinzug. Die Grazer scheinen von den Top-4-Teams in Österreich heuer das schwächste Team zu sein. Täuscht der Eindruck?
Vince Lelard: Der täuscht gewaltig. Die Graz Giants können in jedem Spiel jeden Gegner besiegen – auch uns. Das wird ein sehr hartes, knappes Spiel werden. Ähnlich wie im AFL-Spiel wird viel von der Tagesverfassung abhängen. Die Giants haben mit Rick Rhoades einen tollen, sehr erfahrenen Headcoach. Quarterback Chris Gunn ist ein Topspieler. Sie können uns sehr gefährlich werden.
Ich möchte noch etwas zu den Top-4 der AFL sagen. Das ist nicht mehr richtig. Es sind längst Top-6 geworden. Die Carinthian Black Lions entwickeln sich sportlich großartig. Die Prag Panthers sind eine Bereicherung für die Liga. Ich habe aber auch von den Salzburg Bulls und den St. Pölten Invaders sehr viel gesehen, was sie gefährlich machen wird. Die Spitze in der AFL wird mit Sicherheit noch breiter.

Vienna Online: In dieser Saison gewannen die Vikings gegen die Liganeulinge, dann kam die Niederlage gegen die Raiders, wo das Team schwach spielte. Wie sehen sie die Lage?
Vince Lelard: Wir sind heuer einfach ein besseres, gefestigteres Footballballteam als im letzten Jahr. Über das Raiders-Spiel brauchen wir nicht sprechen. An diesem Tag waren wir einfach nicht bereit für sie. Wir hatten viele verletzte Spieler und die Raiders waren an diesem Tag das klar bessere Team. Aber wir haben uns nach der Niederlage nicht versteckt, haben das Spiel genau analysiert. Seitdem zeigt unsere Formkurve auch wieder deutlich nach oben.  Dank der Charity Bowl hatten jetzt viele Spieler eine Woche Pause. Das tut ihnen gut. Denn wir hatten seit dem Raiders-Spiel viele sehr harte Partien. Wir werden bereit für die Giants sein. Es wird ein sehr knappes Spiel werden. Natürlich steht auf der anderen Seite sehr guter Gegner. Es wird sehr schwer – aber es ist sicher nicht unmöglich.

Vienna Online: Coach, es ist ihre zweite Saison bei den Raiffeisen Vikings. Wie lautet das Zwischenfazit des Offensive Coordinators?
Vince Lelard: Wir sind eine sehr junge Mannschaft und wir entwickeln uns ausgezeichnet. Bestes Beispiel dafür sind Quarterback Christoph Gross oder Wide Receiver Stefan Holzinger. Unsere Spieler sind sehr talentiert und mit der Erfahrung werden sie von Spiel zu Spiel besser. Wir  sind zwar noch sehr von den amerikanischen Legionären abhängig, aber  wir sind auf dem richtigen Weg. Zwischen den Vikings vor 18 Monaten und den Vikings von heute ist ein großer Unterschied – es ist wie schwarz und weiß.

Vienna Online: Durch den Auswärtssieg bei ihrem Ex-Team Paris Flash im EFL-Viertelfinale hat sich ein Kreis geschlossen. Nach der bitteren Heimniederlage im Vorjahr folgte gegen den gleichen Gegner heuer ein triumphaler Auswärtssieg. Wie denken sie über die beiden Spiele?
Vince Lelard: Die Heimniederlage gegen Flash in Wien war eine ganz dunkle Stunde. Darüber gibt es keine Diskussionen. Ich verstehe natürlich, dass Sponsoren nervös werden und der Druck in der Öffentlichkeit stärker wird. Die Vikings sind in Europa das Team, das  in der Auslage steht. Die Spieler und wir Trainer mussten durch dieses Tal, um wieder siegen zu lernen. Ich war zu dieser Zeit auch nicht fehlerfrei.
Mit dem Sieg in Paris haben wir das Kapitel abgeschlossen. Manche werden sagen, dass Flash nicht mehr so stark war wie im Vorjahr. Das stimmt. Flash hat jedoch genug gute Spieler im Kader, die uns wehtun können. Sie haben großartig dagegen gehalten. Wir waren an diesem Tag das bessere Team. Ich fühle jetzt keine Schadenfreude, weil wir Flash deutlich besiegt haben. Im Gegenteil! Ich wünsche meinem ehemaligen Team alles Gute (schmunzelt). Okay, nicht wenn sie gegen mich spielen.

Vienna Online: Christoph Gross ist in seiner ersten Saison als uneingeschränkter Starter. Wo hat er sich im letzten Jahr besonders verbessert? Wo muss er sich noch steigern?
Vince Lelard: Ein Spiel und die damit verbundenen Erfahrungen kannst du durch nichts simulieren oder trainieren. Für die Position des Quarterback ist Erfahrung besonders wichtig.
In der NFL hast du kaum einen Spieler der mit 23 schon Starter ist. Chris ist für sein Alter auf einem guten Weg. Er wird von der Öffentlichkeit besonders genau unter die Lupe genommen. Vielleicht ist es auch sein „Schicksal“ weil er der Quarterback bei den Vikings ist. Im Vorjahr hatte er noch keine Ahnung, was auf ihn zukommt: Es war ein „Wow-Effekt“. Den hat er heuer nicht mehr, und das merkt man an seinen Leistungen. Natürlich haben ihm auch seine Auftritte im Nationalteam geholfen, wo er von Coach Rick Rhoades Einiges gelernt hat. Aber Chris ist in seiner sportlichen Entwicklung bei weitem noch nicht abgeschlossen. Erst in zwei oder drei Jahren werden wir sehen, was er wirklich kann. Schon jetzt helfen ihm auch unsere Receiver. Chauncey Calhoun und Josiah Cravalho sind Spieler, von denen er viel lernen kann – auch wenn sie auf anderen Positionen spielen. Chris hat schon jetzt gelernt, dass er das Spiel entspannter, relaxter sehen muss. Die Leistungen, die er jetzt schon zeigt sind äußerst stark. Wo seine Obergrenze ist… (blickt nach oben). Er hat den Wurfarm, er ist intelligent und er weiß, was er als Footballspieler tun muss. Es liegt an ihm – und an uns Coaches, sein volles Potenzial zu entfalten.

Vienna Online: Coach, sie haben angesprochen, dass Christoph Gross deutlich entspannter auf dem Spielfeld wirkt. Das gleiche kann man auch von ihnen sagen. Sie wirken entspannter – das Playbook ist tiefer. Wie kam es zu dieser Wandlung?
Vince Lelard: Wir haben viel geändert. Man lernt nur wenig, wenn man Footballspiele gewinnt. Im Gegenteil! Ich habe zu Beginn der letzen Saison Fehler gemacht. Nicht nur die Spieler haben viel gelernt, auch ich. Ein Beispiel dafür ist die Trainingsarbeit. Einen Spieler, der jünger als 25 ist, erreichst du nicht, wenn du schreist oder laut wirst, wenn er auf dem Spielfeld keine guten Leistungen zeigt. Ich bin ruhiger geworden. Aber ohne Chris Calaycay und dem Trainerteam, Präsident Karl Wurm und Manager Alfred Neugebauer hätte ich diesen Wandel nicht geschafft. Viele Fans und Freude haben an mich geglaubt. Das gibt Kraft. Ich fühle mich anders als vor etwa 18 Monaten. Aber natürlich war die Phase in der letzten Saison, wo es nicht gut gelaufen ist, für mich nicht angenehm. Ich bin ein emotionaler, intensiver Mensch. Manchmal musst du auch als Trainer einen Schritt zurück machen und die Emotionen rausnehmen. Ich bin jetzt ein besserer Footballtrainer – und wohl auch ein besserer Mensch.

Vienna Coach: Rückblick auf die verrückte Saison 2009 – Die Spieler schwärmen noch immer vom Geist dieser Saison. Wie hat diese Saison sie beeinflusst? Haben sie schon jemals so etwas als Spieler oder Trainer erlebt?
Vince Lelard: (lacht) Ich denke gerne an das vorige Jahr zurück. Es war wirklich sehr kitschig, eine emotionale Achterbahnfahrt mit Happy End. In den USA wird so eine Geschichte in Drehbüchern erfunden, aber wir durften sie erleben! Die junge Mannschaft hat immer an sich geglaubt. Wir sind mit der Zeit immer enger zusammengerückt. Auch wir Coaches. Am Ende hat uns der Teamgeist getragen. Auf dem Feld und auch unter uns Trainern. Manche behaupten, dass wir viel Glück hatten. Klar, das musst du auch im Sport einfach haben.

Vienna Online: Welchen Stellenwert hat Wien für sie?
Vince Lelard: Für mich ist Wien wie eine zweite Heimat geworden. Ich genieße im Moment jede Minute hier. Du weißt nie was die Zukunft bringt aber die Stadt, die Vikings sind ein positiver Wahnsinn. Zu Beginn meiner Zeit bei den Vikings war die Laune und die Stimmung nicht immer die Beste. Klar, denn der Druck ist schon sehr groß. Vielleicht war es auch einfach nur Schicksal, dass ich hier nach Wien komme und zuerst eine schlechte Phase habe. Man weiß nie, was morgen kommt – aber ich möchte keinen Tag der letzten 18 Monate missen.

Vienna Online: Was schätzen sie als Franzose an der Wiener Kultur?
Vince Lelard: Ich muss gestehen, letztes Jahr hatte ich aus bekannten Gründen weniger Zeit für Kultur. Aber ich hole es auf Etappen auf. Das Lebensniveau in Wien ist unglaublich hoch. Mich stört, dass mein Deutsch noch immer nicht überragend ist. Aber ich arbeite daran. Irgendwann möchte ich schon auf Deutsch ein Interview geben können. Wahrscheinlich wird das aber wegen meines Akzents ziemlich lustig  klingen (lacht).

Vienna Online: Welche Schlagzeile würden sie gerne über die Vikings zum Ende der Saison über sie lesen?
Vince Lelard: Ich arbeite nicht für den persönlichen Ruhm. Es zählt der Erfolg der Mannschaft und da bin ich nur ein sehr kleiner Teil. Den Erfolg erringen die Spieler auf dem Spielfeld. Sie gehören in die Schlagzeilen. Und die Fans der Vikings, die uns großartig unterstützen. Egal, wo wir spielen sie sind immer laut und  präsent. Sie sind für uns nicht der 12. Mann; sie sind der 13. oder 14. Mann. Das sollten die  Schlagzeilen sein! Ich als Coach habe in den Schlagzeilen nichts verloren.
Ich bin aber stolz, ein kleiner Teil der Vikings sein zu dürfen. Ich fühle mich hier sehr wohl. American Football ist mehr als gewinnen und verlieren – es sind die menschlichen Aspekte. In Wien passt im Moment einfach absolut alles!

Vienna Online: Ist ein Titel für die Vikings heuer realistisch?
Vince Lelard: Das mit Titeln und Meisterschaften ist so eine Sache. Man hat es im Vorjahr  gesehen. Sie „passieren“ manchmal – da gibt es keine genaue Begründung dafür. Natürlich wollen wir jedes Spiel gewinnen. Das will aber unser Gegner auch. Es gibt niemanden in unserer Liga der kommt und sagt – okay, wir verlieren jetzt mal, weil ihr die großen Vikings seid (lacht). Wir nehmen es von Spiel zu Spiel und am Ende werden wir sehen was rauskommt.

EFL-Semifinale
Raiffeisen Vikings vs. Graz Giants
Sonntag, 6. Juni 2010 – Kick Off: 15 Uhr
Stadion Hohe Warte, 1190 Wien

Das Interview führte Thomas Muck
In Kooperation mit sportreport.at

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