Versuchter Mord an Wiener Prostituierten: Prozess für 22-Jährigen

Der Prozess wurde vertagt.
Der Prozess wurde vertagt. ©APA/HELMUT FOHRINGER/APA-POOL
Am Donnerstag stand ein 22-Jähriger wegen versuchten Mordes vor Gericht. Er soll einer 34-jährigen Prostituierten zahlreiche Stich- und Schnittwunden zugefügt haben.

"Er hat mich überall aufgeschnitten. Er hat mein Leben total zerstört", hat eine 34-jährige Prostituierte am Donnerstag am Wiener Landesgericht berichtet. Dort musste sich ein 22-Jähriger wegen versuchten Mordes verantworten. Er hatte der Transsexuellen am 1. Juni 2020 in deren Wohnung mit einem Klappmesser unzählige Stich- und Schnittwunden zugefügt. Für den psychiatrischen Sachverständigen Peter Hofmann handelt es sich bei dem Angeklagten um einen potenziellen Serientäter.

22-Jähriger machte sich mehrere Dates mit Prostituierten in Wien aus

Der 22-Jährige - ein gebürtiger Tscheche, der 2018 zu seiner Mutter in die Obersteiermark übersiedelte und dort als Tischler beschäftigt war - hatte sich am 31. Mai für den darauf folgenden Tag mehrere Dates mit Prostituierten in der Bundeshauptstadt ausgemacht. Bei zwei der drei Frauen handelte es sich um Transsexuelle. "Sie kommen mir interessant vor. Sie sind anders. Sie fühlen sich nicht wohl in ihrem Körper", erklärte der 22-Jährige dazu auf Befragen des Richters.

Beim ersten Treffen, das um 9.00 Uhr stattfand, bat der 22-Jährige nach dem Geschlechtsverkehr die Frau, sie möge die Augen kurz schließen, er wolle ihr etwas schenken. In einem Spiegel sah sie dann aber, wie er hinter ihrem Rücken plötzlich ein Messer zog. Die Frau sprang auf und warf den Freier resolut aus dem Zimmer. Bei zweiten Termin - um 13.00 Uhr - fühlte sich der 22-Jährige in der Wohnung dieser Prostituierten nicht wohl, weil vor dem Fenster Leute im Garten saßen. Er verließ darauf hin die Wohnung, ohne die vereinbarten Dienste in Anspruch zu nehmen, wobei der Prostituierten auffiel, dass der junge Mann eine Barbiepuppe mit schwarzen Haaren aus seiner Unterhose zog und mit dieser spielte, ehe er sich entfernte.

22-Jährige schnitt 34-Jährige in Hals, Kopf, Gesicht und Oberkörper

Das dritte Treffen war für 15.00 Uhr in der Wohnung der 34-Jährigen anberaumt. Man einigte sich, dass die Transsexuelle den Mann für 100 Euro massieren sollte, wobei dieser kurzfristig dann um einen Rollenwechsel bat. Nachdem er ihr einen Stofftiger geschenkt hatte, begann er mit der Massage. "Dann hat er mich plötzlich am Hals geschnitten", schilderte die 34-Jährige.

Laut Anklage versuchte der 22-Jährige, dem Opfer die Kehle durchzuschneiden. Als die Prostituierte zu schreien begann, folgten zahllose weitere Stiche und Schnitte ins Gesicht, in den Kopf und in den Oberkörper, wobei der junge Mann kein Wort gesprochen, aber eigenartig brummende Geräusche von sich gegeben haben soll. Als die 34-Jährige es schließlich aus dem Bett schaffte und davonlaufen wollte, zog er sie laut Anklage an den Haaren zurück und versetzte ihr noch einen massiven Stich in den Rücken.

Mitbewohnerin rettete 34-Jährigen das Leben

Die Mitbewohnerin der 34-Jährigen kam dieser - von den Schreien alarmiert - zu Hilfe und dürfte ihr das Leben gerettet haben, indem sie die Schwerverletzte an der Hand packte, zu sich zog und sich dem Täter in den Weg stellte. Sie kassierte einen tiefen Schnitt am Oberarm, konnte sich aber mit ihrer Freundin aus der Wohnung retten.

Der Angeklagte behauptete, er habe in einer Notwehr-Situation zugestochen. Es habe sich um "reine Selbstverteidigung" gehandelt. Er sei hinter der 33-Jährigen gesessen und habe diese massiert, als diese begonnen hätte, ihn am Oberschenkel zu berühren. Er habe ihre Hand weggegeben und sie gebeten aufzuhören, "weil mir das nicht angenehm war". Da habe sie ihn an den Genitalien gepackt: "Das hat mir Schmerzen gemacht." In dieser Situation habe er "die einzige Möglichkeit gesehen, nach meinem Messer zu greifen", das er als Tischler stets bei sich trage.

"Ich glaube, dass die Selbstverteidigung nicht ganz adäquat war. Es war übertrieben, was ich gemacht habe. Ich hatte mich nicht ganz unter Kontrolle", gab der 22-Jährige zu Protokoll. Was nach dem ersten Stich passiert sei, wisse er nicht mehr, verwies der Angeklagte auf einen angeblichen "Filmriss".

"Er wollte maximalen Schmerz zufügen"

Der renommierte psychiatrische Sachverständige Peter Hofmann warnte mit Nachdruck vor dem 22-Jährigen und empfahl für den Fall einer Verurteilung zusätzlich dessen Unterbringung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Dem jungen Mann sei eine "schwerwiegende Störung" eigen, dieser stehe dem ihm Vorgeworfenen "völlig emotionslos" gegenüber, sagte der Gutachter. Dem Mann sei es darum gegangen, seinem Opfer wehzutun: "Er wollte maximalen Schmerz zufügen."

Hofmann hat den bisher Unbescholtenen im Zug des staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens zwei Mal untersucht. Bei den Terminen habe sich der 22-Jährige "nicht in die Karten blicken lassen" und sei zu keinen aufschlussreichen Angaben bereit gewesen. Der Messerattacke auf die 34-Jährige sei ein "hoher Planungsgrad" vorausgegangen, der Angriff selber sei mit einem "unglaublichen Ausbruch an Aggression" erfolgt. Das Vorgehen "passe" zu sadistischen Sexualmördern, meinte Hofmann.

Die inkriminierte Handlung bewertete Hofmann in seinem Gutachten als "eine chaotisch, aus dem Ruder laufende Ersttat eines Serientäters mit narzisstisch, sadistischem Handlungsmotiv". Bei der Tatausführung habe der 22-Jährige auf "Sicherungstendenzen" - einen Fluchtplan oder das Verwischen von Spuren - verzichtet.

Richter hinterfragte vor allem angebliche Notwehr-Situation

Der vorsitzende Richter Wolfgang Etl hinterfragte vor allem die vom Angeklagten behauptete Notwehr-Situation. Der 22-Jährige ist ausgebildeter Taekwondo-Kämpfer, hat in Tschechien und auch international Wettkämpfe bestritten und war in seiner Altersklasse in der nationalen Bestenliste ganz vorne. Etl - selbst kampfsporterfahren - wollte daher vom Angeklagten wissen, ob es nicht andere Techniken als den Griff zum Messer gegeben hätte, um einem unerwünschten Griff an die Genitalien zu begegnen. "In der Panik denkt man nicht an das, was man gelernt hat, an die Technik", antwortete der 22-Jährige. Er sei auf den Griff "ja nicht vorbereitet" gewesen. Die Verhandlung wurde schließlich auf 19. Jänner vertagt.

(APA/Red)

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