Vergiss mein nicht - Trailer und Kritik zum Film

"Und dann, an Heiligabend, gab es nur Suppe", beschreibt David Sieveking die ersten Anzeichen des Gedächtnisverlustes bei seiner Mutter Gretel. Die Diagnose Alzheimer inspirierte den jungen deutschen Regisseur, seine Mutter filmisch zu begleiten. Alle Spielzeiten auf einen Blick

Das Ergebnis “Vergiss mein nicht” ist ein persönlicher, würdevoller und lebensbejahender Dokumentarfilm, in dem es Sieveking spielerisch schafft, dem Publikum bei all der Ernsthaftig- und Traurigkeit zahlreiche befreiende Lacher zu schenken. Ab Freitag (22. März) im Kino.Wien. Bereits vier Jahre des fortschreitenden Vergessens liegen hinter Gretel, als David für einige Wochen wieder zuhause einzieht und sich, von einer Kamera begleitet, um seine Mutter kümmert. Ihren Sohn erkennt Gretel mittlerweile genauso wenig wieder wie ihr eigenes Zuhause, für sämtliche Tätigkeiten hängen Merkzettel an der Wand. Ihr Ehemann Malte pflegt sie rührend und stößt dabei zunehmend an seine Grenzen; das Filmprojekt beschert ihm einen lang ersehnten Urlaub. Mit Ehrgeiz geht David an seine neue Aufgabe heran, motiviert seine Mutter auf kreativste Weise zu Aktivitäten; Rückschläge nicht ausgeschlossen.

Sievekings “Vergiss mein nicht”: Behutsamer Neuanfang mit Alzheimer

“Während meine Mutter ihr Gedächtnis verliert, wird mir klar, wie wenig ich über sie weiß”, erkennt Sieveking, der im Off kommentiert. Mittels Treffen von Weggefährten, einer gemeinsamen Reise in Gretels Heimatstadt Stuttgart und dem Studieren alter Fotos und Tagebücher erfährt David mehr über seine Mutter, aber auch über die oft kriselnde Ehe seiner Eltern, geprägt von freier Liebe und politischem Aktivismus. David und Gretel nähern sich rasch an, bald hält sie ihren Sohn gar für ihren Mann. Momente wie diese führen ebenso zu absurd-komischen Situationen wie Gretels hemmungslose Ehrlichkeit, die sie mit fortschreitender Krankheit ebenso an den Tag legt wie charmanten Wortwitz. Der Kloß im Hals, der bei Gretels zunehmender Orientierungslosigkeit, Sprach- und Bewegungsfähigkeit beim Zuseher entsteht, kann sich so mitunter immer wieder lösen.

Dass das Lachen trotz der menschlichen Tragödie nicht schwerfällt, ist der heiter-wehmütigen Musikuntermalung, der Leichtigkeit Davids im Umgang mit seiner Mutter sowie Gretel selbst zu verdanken. So sehr sie sich immer mehr in ihre eigene Welt zurückzieht, so deutlich wird ihre Freude, von ihrem Sohn und Kamera- und Tonmann Adrian Stähli umgeben zu sein. Laut Malte einst eine kühle, distanzierte Frau, scheint Gretel nun neue Lebensfreude zu entdecken. Die gemeinsame, letzte Reise nach Hamburg, wo sich Gretel und Malte einst kennengelernt haben, ist als Konsequenz wie ein unschuldiger Neuanfang nach 40 Jahren Beziehung.

Minutenlangen Applaus und tränengefüllte Augen gab es vergangenes Jahr bei der Premiere von “Vergiss mein nicht” beim Internationalen Filmfestival von Locarno, der auch Davids Vater beiwohnte und auf welche die Auszeichnung als bester Film in der renommierten “Semaine de la Critique” folgte. “Es war schwierig, sich dazu zu entscheiden, diesen Film zu machen”, sagte der Regisseur damals. “Aber es gab mir viel Zeit mit meiner Mutter, die ich sonst nicht gehabt hätte.” Mit ebendieser Einstellung gelingt Sieveking eine zärtliche Liebeserklärung an das Leben und an seine Familie, die die intensive Auseinandersetzung näher zusammengebracht hat. Ab Freitag kann auch das österreichische Kinopublikum an dieser warmherzigen, charmanten Reise teilhaben.

(APA)

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