Verdächtige vorbestraft: Kritik an Versäumnissen im Gewaltschutz

Opferschutzorganisationen fordern "Gewalt-Lawinenkommissionen" in allen Bundesländern.
Opferschutzorganisationen fordern "Gewalt-Lawinenkommissionen" in allen Bundesländern. ©APA/HERBERT NEUBAUER
Opferschutz-Expertinnen prangern nach dem gewaltsamen Tod einer 13-Jährigen in Wien Versäumnisse in der Prävention von Gewalt an.

Da zumindest drei der vier unter Tatverdacht stehenden jungen Afghanen polizeibekannt bzw. vorbestraft waren, liege der Verdacht nahe, dass diesbezügliche Warnsignale übersehen oder nicht ernst genug genommen worden sein könnten, hieß es bei einer Pressekonferenz der Allianz Gewaltfrei leben, der rund 30 Frauen- und Opferschutzorganisationen angehören.

Frühzeitige Gewaltscreenings gefordert

Rosa Logar von der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie forderte frühzeitige Gewalt-Screenings, die alle beteiligten Einrichtungen, von der Polizei über die Spitäler bis zur Bewährungshilfe, aktiv durchführen müssten. "Man muss solchen Hinweisen nachgehen, auch wenn ein anderes, etwa ein Drogendelikt, angezeigt wird", forderte sie. Wird jemand wegen einer mit einer höheren Strafe bedrohten Tat, etwa Drogenhandel, verurteilt, kämen Hinweise auf Gewaltbereitschaft "dahinter" gar nicht mehr vor.

Mit dem durch Screenings erlangten Wissen müsse man aber auch etwas tun können: "Es gibt derzeit kein Gremium, es gibt keine 'Gewalt-Lawinenkommission', die sich dann zusammensetzt", kritisierte Logar. Sie fordert solche Kommissionen, die laufend tagen und sich mit Hochrisikofällen auseinandersetzen sollen, für jedes Bundesland.

"Morde kündigen sich immer an"

Im Fall der 13-Jährigen stelle sich ihr die Frage, ob Jugend- und Bewährungshilfe "zu sehr auf die Drogendelikte geschaut" hätten und "frauenfeindliches Gedankengut nicht aufgefallen ist", gab auch Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF), zu bedenken: "Morde kündigen sich immer an." Es sollten daher viel mehr Gefährlichkeitseinschätzungen vorgenommen werden. "Wir müssen 'dahinter' schauen und das Gewalt- und Aggressionspotenzial im Blick haben", appellierte Logar. "Gewalt wird oft unter 'ferner liefen' gehandelt, daraus kommt aber die Eskalation."

Zu oft würden Opfer hören, "die Suppe ist zu dünn", acht von zehn Anzeigen wegen Gewaltdelikten würden eingestellt, erinnerte Logar, die die größte heimische Opferschutzeinrichtung mit mehr als 6.000 Fällen jährlich leitet. Beschuldigte bekämen dann den Eindruck, es handle sich "um Bagatelldelikte".

Erfahrungen als Flüchtlingsbetreuerin

Sabine Weninger-Bodlak, heute Leiterin des Zentrums Insel in Scharnstein, schilderte ihre Erfahrungen als Flüchtlingsbetreuerin: Eine Arbeitskraft mit 25 oder 30 Wochenstunden sei in einem 50-Personen-Quartier für Kinder, Familien, Einzelpersonen und Traumatisierte zuständig, Sozialarbeiterinnen hätten Screenings so gut wie möglich aus eigenem Antrieb gemacht, Unterstützung von außen habe es nicht gegeben. Bei Wertekursen sei es darum gegangen, Frauen zu grüßen und nicht nachzupfeifen, "und das war es dann aber schon im Großen und Ganzen". Ihrer Meinung nach sei die Arbeit im Asylbereich diesbezüglich "noch ganz am Anfang": "Hier präventiv zu arbeiten, das wäre extrem wichtig."

Eine wichtige Säule der Gewaltprävention sei zudem die Stärkung der Opfer. In der Wiener Interventionsstelle habe man nach wie vor pro Opfer und Jahr nur fünf Betreuungsstunden zur Verfügung, beklagte Logar einmal mehr eine jahrelange Notlage. Margarete Bican vom Verein Sprungbrett zählte auf, was es u.a. brauche: mehr fest verankerte Präventionsangebote in Schulen, mehr Beratungslehrerinnen und regelmäßige Sozialarbeit sowie kostenlose Eltern- und Erziehungsberatung und bessere Bedingungen für die Arbeit der Frauen- und Mädchen- sowie der Familienberatungsstellen.

Gleichzeitig äußerten sich die Opferschutzexpertinnen "besorgt über die Verquickung der Asyl- und Abschiebe-Debatte mit Gewaltschutz", dessen wichtige Anliegen dabei verloren gingen. Bei Gewalt an Frauen und Mädchen gehe es vielmehr um Machtungleichheit sowie patriarchale und toxische Denkmuster. Abschiebungen sollten aber durchgeführt werden, sofern die Gesetzeslage das hergibt.

(APA/Red)

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