USA: Folterskandal bringt Kerry kaum Gewinn

Knapp sechs Monate vor der Präsidentschaftswahl müssten die US-Demokraten vor Optimismus eigentlich nur so strotzen. Die Hiobsbotschaften für Bush reißen nicht ab.

Der Moralist im Weißen Haus musste sich sogar für abscheuliche Misshandlungen in irakischen Gefängnissen entschuldigen. Das Land ist geschockt, die Welt empört. Aber der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, John F. Kerry, profitiert laut Meinungsumfragen kaum von den Desastern der Bush-Regierung. Eine Mehrheit gegen Bush zeichnet sich zumindest noch nicht ab.

„Ich als Oberbefehlshaber wüsste Bescheid, was passiert… und ich würde die volle Verantwortung übernehmen“ – mit diesen eher vorsichtigen Kritik an Bush hatte Kerry auf den Skandal im Abu Ghraib-Gefängnis reagiert. Er verurteilte zwar die Misshandlungen, wertete sie aber als „erschreckende“ Randerscheinung und verwies auf die überwältigende Mehrheit der „tapferen und anständigen“ Soldaten der US-Streitkräfte. Offensichtlich wollte er auf keinen Fall bei diesen für die Amerikaner so beschämenden Vorfälle den Eindruck des unpatriotischen Nestbeschmutzers erwecken.

Kerrys Dilemma hat viele Facetten. Eine davon ist der Eindruck, den der große, sportliche, eher kühl wirkende 60-Jährige bei den Wählern macht. Der Senator aus Massachusetts präsentiert sich als Verteidiger amerikanischer Arbeitsplätze, schimpft in fast klassenkämpferischer Manier auf die Steuergeschenke an die Milliardäre, will die Interessen des kleinen Mannes schützen.

Aber der Spross einer reichen Ostküstenfamilie und Ehemann der schwerreichen Teresa Heinz Kerry wird das Image des privilegierten Absolventen der Yale-Universität kaum los. Genüsslich präsentierten US-Medien das Luxusleben der Kerrys: fünf Villen und Landhäuser, bis zu 14 Millionen Dollar (11,8 Millionen Euro) teuer, mehrere Luxusautos, wobei Kerry als Verfechter von US-Arbeitsplätzen selbst einen deutschen Audi fährt. Ein gefundenes Fressen für konservative Lästereien in den TV-Talkshows.

Genüsslich wurde gemeldet, dass Kerry zuweilen seine Limousine vor dem Gourmet-Laden „Dean and DeLuca“ in Georgetown halten lässt, um rasch ein paar Sushi zu kaufen. Diese japanischen Delikatesse dient US-Konservativen als Schimpfwort. „Sushi-Esser“ sind für sie jene elitären, linken Oststaaten-Liberalen ohne Patriotismus. Genau so wollen die Bush-Wahlkampfstrategen Kerry darstellen: als Mann ohne Patriotismus und Prinzipien. Ihnen gelang es sogar, den hochdekorierten Vietnamkriegs-Veteranen wegen seiner Proteste gegen den Krieg als Opportunisten und Nestbeschmutzer zu diffamieren.

Aber Kerry macht es seinen Gegnern so leicht, dass in den Wahlkampf-Spots von Bush ungeschnitten Kerry-Passagen eingespielt werden. „Erst habe ich dafür gestimmt, bevor ich dann dagegen gestimmt habe“, sagt Kerry über den Irak-Krieg. Es bedarf einiger Erklärungen um zu verstehen, dass auch Kerry zunächst an eine Gefahr durch Saddams Massenvernichtungswaffen geglaubt hatte. Aber Kerry muss auch begründen, warum er Bush kritisiert, den Truppen nicht die besten Waffen zu geben, dann aber im Senat gegen den Etat für die Truppen stimmt.

Kerry hat es vor allem deshalb schwer, weil er sich politisch gar nicht so wesentlich von Bush unterscheidet. Auch er will die Bush-Steuererleichterungen für die meisten US-Bürger nicht zurücknehmen. Und auch wenn Kerry versichert, das dramatische US-Budgetdefizit zu bekämpfen, so verspricht er auch Wohltaten im Gesundheitswesen, die noch größere Löcher in den Etat reißen würde.

Besonders aber zum Thema Irak, das vermutlich die Wahl entscheidet, hat Kerry kaum überzeugende Alternativen. Er weiß, dass die Amerikaner einen raschen Abzug als demütigende Schlappe ansehen würden. Also verspricht er, die Staatengemeinschaft einzubinden. Aber in den USA können sich nur wenige vorstellen, dass ein Präsident Kerry mit seinem Wunsch nach einem stärkeren Engagement im Irak in Berlin, Paris oder Moskau auf offene Ohren stoßen würde.

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