US-Grippe-Epidemie ist nur Frage der Zeit

So schlimm die Grippe-Welle in diesem Jahr in den USA ist, sie hat nicht zu einer weltweiten Epidemie geführt. Doch Experten rechnen damit, dass diese früher oder später kommt .

„Es wird passieren”, sagt Greg Poland, Arzt an der Mayo-Klinik. „Ich glaube, insbesondere für die Amerikaner wird das schrecklich.”

Eine solche Pandemie – so nennen Mediziner eine Seuche, die sich über mehrere Länder oder Landstriche ausbreitet – hat es in den USA im vergangenen Jahrhundert drei Mal gegeben: 1918, 1952 und 1968. Wann die nächste kommt, ist nicht vorherzusagen. Alles hängt von einem Virus ab, das sich anpassen und verändern kann, indem es sein genetisches Erscheinungsbild immer wieder wechselt.

Wenn ein solcher Erreger auf bestimmte andere Faktoren trifft, die seine weltweite Verbreitung begünstigen, dann kann die Kugel ins Rollen kommen, wie William Schaffner von der Vanderbilt University sagt. In den vergangenen 35 Jahren sei das nicht passiert. „Dafür sind wir zwar dankbar, aber es macht uns auch nervös”, sagt Schaffner.

Grund zur Nervosität gibt es wahrlich genug. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass die nächste Grippe-Pandemie allein in den Industriestaaten 280.000 bis 650.000 Menschen töten könnte. Vermutlich 1 bis 2,3 Millionen Patienten müssten im Krankenhaus behandelt werden. In den Entwicklungsländern wären die Auswirkungen wahrscheinlich noch verheerender.

Zur Vermeidung einer solchen Seuche können sich die Ärzte nicht auf Spritzen verlassen. Erstens tauchen derartige Viren unerwartet auf, und es bliebe vermutlich nicht genug Zeit, den notwendigen Impfstoff in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen. Zweitens, und das ist laut Poland noch gravierender, verfügen viele Länder nicht über die notwendigen Mittel, um die Ausbreitung der Krankheit zu stoppen.

Während der Grippe-Epidemie von 1918/1919, bekannt als die Spanische Grippe, erkrankten zwischen 20 und 40 Prozent der Weltbevölkerung. Die Zahl der Toten lag Schätzungen zufolge bei mehr als 20 Millionen. Allein in den USA starben 500.000 Patienten. Die nächste Pandemie, die Asiatische Grippe, kostete 1957 und 1958 in den USA etwa 70.000 Menschen das Leben, die Hongkong-Grippe von 1968-69 tötete rund 34.000 Amerikaner.

Eine neue Pandemie könnte ihren Ausgang in Asien nehmen. Dort kommen auf dem Land verschiedene Stämme von Grippe-Viren in Kontakt, an denen Hühner, Schweine und Menschen erkranken. Diese verschiedenen Erreger könnten genetische Informationen austauschen und mutieren. Der Zündfunke, der eine Epidemie auslösen kann, ist die Infektion eines Menschen mit einem Virus, das vom Immunsystem nicht erkannt wird. Für eine herkömmliche Grippewelle dagegen sind Viren verantwortlich, die sich nur leicht von ihren Vorgängern unterscheiden. Der Körper kann daher Abwehrkräfte gegen sie mobilisieren.

Doch die genetische Veränderung des Grippevirus allein reicht noch nicht aus, um eine weltweite Epidemie loszutreten. Der neue Erreger muss auch entsprechend ansteckend sein, wie Richard Webby von der St. Jude’s-Kinderklinik in Memphis erklärt. Im Jahr 1997 beispielsweise griff die Vogelgrippe in Hongkong auf Menschen über – sechs Tote waren zu beklagen, aber das Virus entwickelte nicht die Fähigkeit, sich schnell von einem Menschen auf den anderen zu übertragen.

In den Niederlanden steckten sich in diesem Jahr mehrere Menschen mit der Vogelgrippe an, weil sie Kontakt zu infizierten Tieren hatten. Dank entsprechender Medikamente und Schutzimpfungen griff die Krankheit aber nicht um sich.

Wissenschaftler haben bei Geflügel und Schweinen viele verschiedene Grippeviren identifiziert. Und das sei beunruhigend, sagt Webby. Es sei nicht möglich, Impfstoffe gegen all diese Erreger zu entwickeln, für den Fall, dass sie auf den Menschen übergriffen. Und es gebe keine Anhaltspunkte, welche die gefährlichsten unter ihnen seien.

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