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Uni-Wien-Mathematiker Adrian Constantin erhält Wittgenstein-Preis 2020

Adrian Constantin erhält den "Nobelpreis Österreichs".
Adrian Constantin erhält den "Nobelpreis Österreichs". ©APA/HANS PUNZ
Der Mathematiker Adrian Constantin (50) von der Universität Wien erhält den Wittgenstein-Preis 2020. Verliehen wurde der 1,5 Mio. Euro schwere Wissenschaftsförderpreis Österreichs am Mittwoch.

Der Wittgenstein-Preis soll exzellenten Forschern "ein Höchstmaß an Freiheit und Flexibilität bei der Durchführung ihrer Forschungstätigkeit garantieren, um eine außergewöhnliche Steigerung ihrer wissenschaftlichen Leistungen zu ermöglichen". Mit den Start-Preisen will man jüngeren Forschern die Möglichkeit bieten, auf längere Sicht und finanziell weitgehend abgesichert ihre Forschungsarbeiten zu planen und sich durch die Leitung einer Arbeitsgruppe für eine Führungsposition im Wissenschaftssystem qualifizieren. Die Preise werden vom Wissenschaftsministerium finanziert und vom FWF vergeben, die Preisträger von einer Jury ausländischer Wissenschafter ausgewählt.

"Austro-Nobelpreis" für Adrian Constantin

Mit Adrian Constantin fiel die Wahl für den "Austro-Nobelpreis" auf einen Mathematiker mit ausgeprägtem Drang, konkrete Abläufe in der Natur besser zu verstehen. Constantin habe "bahnbrechende Beiträge zur Mathematik der Wellenausbreitung geleistet", heißt es in der Begründung der Jury. Seine Überlegungen über Strömungen und Wellen in der Atmosphäre und in den Ozeanen und die von ihm entwickelten mathematischen Verfahren hätten neue Forschungsrichtungen angestoßen und finden etwa bei der Beschreibung einer Vielzahl an Phänomenen wie "El Nino" oder Tsunamis Anwendung. Zudem habe der Mathematiker, dessen Arbeit bei weitem nicht so abstrakt erscheint wie sein Betätigungsfeld der "nichtlinearen partiellen Differentialgleichungen" vermuten lässt, zahlreiche vielversprechende Nachwuchsforscher ausgebildet.

Der am 22. April 1970 in Temeswar geborene rumänische Wissenschafter ist seit 2008 Professor an der Fakultät für Mathematik der Uni Wien und findet sich seit rund zehn Jahren immer wieder in der Liste der "Highly Cited Researchers" - also der meistzitierten Forscher der Welt. Er komme ursprünglich zwar "aus der reinen Mathematik. Die Wellenphänomene haben mich einfach als Beobachter in der Studentenzeit fasziniert", sagte Constantin im Gespräch mit der APA. So habe er bereits seit Jahren zu Wellen gearbeitet, "dann kam der große Tsunami 2004. Dann stellt man sich die Frage, wie man da etwas machen und verbessern kann", so der Mathematiker.

In seiner Ausbildung habe er mit Physik noch kaum zu tun gehabt, nun brauche er den intensiven Austausch mit Physikern, Ozeanografen oder Meteorologen, um seine Arbeiten voranzutreiben. Die grundlegenden Mechanismen, nach denen sich Wellen ausbreiten, seien seit mehreren Jahrzehnten bekannt. Die Gleichungen ließen sich aber "nicht leicht lösen, man muss sie vereinfachen". Als Mathematiker könne er mitunter "verschiedene physikalische Größen gut in Verbindung setzen". Am Ende schaffe man es manchmal, die notwendigen Vereinfachungen etwas feiner zu gestalten und zu besseren Erkenntnissen zu gelangen. Constantin: "Das ist mir einige Male gelungen und ich bin zuversichtlich, dass das auch in Zukunft weiter möglich sein wird."

Den Wittgenstein-Preis möchte er dazu nutzen, sich die Zeit zu nehmen, um mehreren Themen verstärkt nachzugehen. Das weltweit spürbare, in etwa alle vier Jahre wiederkehrende Wetterphänomen "El Nino" ist eines davon, aber auch zu den für das Weltklima wichtigen Meeresströmungen um die Antarktis möchte Constantin arbeiten. "Dann gibt es auch Phänomene, die mich einfach durch ihre Schönheit faszinieren", so etwa "Morning Glory" genannte um die hundert Kilometer lange, charakteristisch geformte Wolkenfronten an Australiens Küsten. "Ich denke, die Theorie dazu kann man noch verbessern", so der Mathematiker.

Mit hochdotierten Förderpreisen ist der Wissenschafter bereits vertraut, wurde ihm doch 2010 für seine Forschung über die Wechselwirkung zwischen Wasserwellen und Strömungen ein "Advanced Grant" des Europäischen Forschungsrates (ERC) zuerkannt, mit dem der ERC etablierte Wissenschafter unterstützt. Zudem wurde Constantin u.a. mit dem Göran-Gustafsson-Preis der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften oder dem Friedrich-Wilhelm-Bessel-Preis der deutschen Humboldt-Stiftung ausgezeichnet.

Privat interessiert sich der Familienvater für Sport und Reisen, außerdem ziehe es ihn als Taucher auch in der Freizeit in Richtung Wasser. Sein Rekord steht bei 42 Meter Tiefe im Mittelmeer nahe Korsika. In solchen Situationen erlebe er mitunter "unglaubliche" Effekte hautnah, mit denen er sonst in der Theorie zu tun habe. "Das ist auch eine Motivation für mich, weiter diese Art von Forschung zu betreiben", sagte Constantin.

Als Forscher und Lehrender sieht der zuvor u.a. in Großbritannien, Schweden oder den USA tätige Wissenschafter einige Vorteile in Österreich, die er gerne erhalten würde: So kämen hier mitunter erfahrene Professoren und Studien-Einsteiger im Rahmen von Übungen zusammen. "Dass das im System eingebaut ist, ist sehr schön." Europaweit ein Problem sei jedoch, dass es für viele gut ausgebildete Jungforscher nur wenige dauerhafte Stellen gebe, die auch mehr Möglichkeiten zur Familienplanung bieten. Constantin: "Ich war in vielen Ländern tätig, und das war nicht leicht für meine Familie und mich."

Start-Preise 2020 gehen an fünf Frauen und zwei Männer

Neben dem Wittgenstein-Preis gehen sieben jeweils mit bis zu 1,2 Mio. Euro dotierte Start-Preise an Nachwuchsforscher. Zwei davon gehen an die Technische Universität (TU) Wien, je einer an die Uni Wien, die TU Graz, die Uni Innsbruck, die Montanuni Leoben sowie die Veterinärmedizinische Universität Wien.

Auffällig: Sowohl der diesjährige Wittgenstein-Preisträger Adrian Constantin als auch sechs der sieben START-Preisträger stammen ursprünglich nicht aus Österreich bzw. wechselten aus dem Ausland hierher. Im Folgenden die Gewinner:

Die Zoologin Alice Auersperg vom Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität erforscht in ihrem Projekt den innovativen Werkzeuggebrauch bei einem Papagei, im konkreten Fall beim Goffini Kakadu. Sie will dabei unter anderem Rückschlüsse auf die technische Evolution beim Menschen gewinnen - also wie auch dieser angefangen hat, Objekte zu gebrauchen.

Mit "Smart Materialien" beschäftigt sich die Mathematikerin Elisa Davoli vom Institut für Analysis und Scientific Computing an der TU Wien. Diese besondere Klasse von Metamaterialien kann ihre Reaktion entsprechend den Merkmalen der äußeren Umgebung anpassen und gilt als Zukunftsoption für die optische Datenverarbeitung, Quanteninformation und Technologien der nächsten Generation.

Die Physikerin Gemma De las Cuevas vom Institut für Theoretische Physik der Uni Innsbruck beschäftigt sich mit "Universellen Spinmodellen, Turingmaschinen und neuronalen Netzen". Mit ihrer Forschung will sie etwa Ideen und Beweise dieser bisher unverbundenen Disziplinen zusammenführen, damit sie wechselseitig profitieren.

Der Informatiker Robert Ganian vom Institut für Logic and Computation der TU Wien erforscht mit seinem Projekt "Parametrisierte Analyse in der Künstlichen Intelligenz" ein Paradigma, das für die feinkörnige Analyse von Rechenproblemen verwendet wird. Obwohl dieses in anderen Bereichen der Informatik bereits erfolgreich eingesetzt wird, will er die derzeitigen Mängel in der Grundlagenforschung in der künstlichen Intelligenz (KI) und dem maschinellen Lernen (ML) beheben.

Die internationale Etablierung der Performance-Forschung für Lyrik als interdisziplinären Forschungszweig hat sich die Literatur- und Kulturwissenschafterin Julia Lajta-Novak vom Institut für Anglistik und Amerikanistik der Uni Wien zum Ziel gesetzt. In ihrem Projekt "Poesie des Sprechens: Britische Lyrik-Performance, 1965-2015" untersucht sie die Bedeutung des Lyrikvortrags für die jüngere britische Literaturgeschichte.

In seinem Projekt "Der unüberwindliche EISEN-TALK: 2D magnetische Schichten" erforscht der Physiker und Materialwissenschafter Aleksandar Matkovic vom Institut für Physik der Montanuni Leoben eisenreiche Talkkristalle und Schicht-Hydroxiden, also seltene Mineralien, die bisher auf der Suche nach magnetischen Einzellagen übersehen wurden. So sollen synthetische magnetische Schichtsilikat-Einzellagen gezüchtet werden.

Die Physikerin Birgitta Schultze-Bernhardt vom Institut für Experimentalphysik der TU Graz wiederum beschäftigt sich mit ihrem Projekt "Elektronische Fingerprint Spektroskopie" mit photochemischen Prozessen, bei denen Atome und Moleküle unter Einwirkung von Licht neue Verbindungen eingehen. Dabei sollen bessere spektroskopische Informationen im Bereich der UV-Strahlung gewonnen werden.

(APA/red)

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