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Umstellung auf inklusives Schulsystem nicht geglückt

Die Umsetllung auf ein inklusives Schulsystem sei "mehr oder weniger misslungen".
Die Umsetllung auf ein inklusives Schulsystem sei "mehr oder weniger misslungen". ©pixabay.com (Sujet)
Bis 2020 sollten Sonderschulen in Österreich zur Ausnahme gehören, stattdessen sollte es ein inklusives Schulsystem geben. Die Umstellung hat jedoch nicht funktioniert.

Eigentlich sollten Sonderschulen bis 2020 in Österreich zur Ausnahme und stattdessen Kinder mit und ohne Behinderung in inklusiven Modellregionen gemeinsam unterrichtet werden. Diese im "Nationalen Aktionsplan Behinderung 2021-2020" vorgesehene Umstellung sei allerdings "mehr oder weniger misslungen", konstatiert Bildungswissenschafter Gottfried Biewer von der Uni Wien im Vorfeld einer Online-Präsentation des Unesco-Weltbildungsberichts 2020 am Donnerstag.

260 Millionen Kinder und Jugendliche ohne Zugang zu Bildung

Weltweit haben dem Bericht mit dem Schwerpunktthema "Inklusion und Bildung: All means All" zufolge fast 260 Millionen Kinder und Jugendliche (17 Prozent der Minderjährigen) weltweit gar keinen Zugang zu Bildungsangeboten, Millionen andere seien wegen ihrer Herkunft, Identität oder einer Behinderung innerhalb des Bildungssystems ausgegrenzt. In einem Viertel aller Länder weltweit sei etwa die getrennte Bildung von Kindern mit und ohne Behinderung gesetzlich vorgeschrieben, zeigt der Bericht. Am Nachmittag werden die Ergebnisse mit besonderem Fokus auf die Situation in Österreich online präsentiert.

Hierzulande ist die Zahl der Kinder in den Sonderschulen laut Bildungswissenschafter Biewer durch die Einrichtung inklusiver Modellregionen nicht zurückgegangen, ein Systemumbau habe nicht stattgefunden, kritisiert er im Gespräch mit der APA. Schuld daran ist für den Bildungswissenschafter das Fehlen von Steuerungsmechanismen. Anders als bei der Einführung des Wahlrechts in den 1990ern, durch das Eltern entscheiden können, ob ihre Kinder in eigenen Sonderschulen oder inklusiv gemeinsam mit Kindern ohne Beeinträchtigung unterrichtet werden sollen, habe es diesmal auch keinerlei Anreize in Form zusätzlicher Ressourcen gegeben. Die Folge: Es gab keine breite Akzeptanz der betroffenen Eltern, teilweise sogar Ablehnung.

System könnte innerhalb von acht bis neun Jahren umgebaut werden

Biewer plädiert deshalb dafür, beginnend mit der ersten Klasse Volksschule künftig keine weiteren Kinder mit Behinderung in Sonderschulen aufzunehmen. Innerhalb von acht bis neun Jahren könnte dadurch das gesamte System im Pflichtschulalter auf Inklusion umgebaut werden. Dabei müsste es allerdings inklusive Unterstützungssysteme an allen Regelschulen geben, an denen Kinder mit Behinderung aufgenommen werden. "Da müsste wirklich Geld umgeschichtet werden vom Sonderschulsektor in diesen inklusiven Sektor und es müsste Geld für weitere Kosten in die Hand genommen werden."

Auch abseits der Frage Sonder- oder Regelschule sind Schüler, denen wegen körperlicher oder psychischer Beeinträchtigungen Sonderpädagogischer Förderbedarf (SPF) attestiert wird, im österreichischen Bildungssystem eingeschränkt: Zwar werden unter den Sechs- bis 14-Jährigen mit Beeinträchtigung insgesamt über 60 Prozent inklusiv unterrichtet. Mit Ende der Volksschule würden Schülern mit SPF allerdings "viele Entwicklungschancen genommen", weil es an den AHS kaum Integrationsklassen gibt und damit der Weg in die Mittelschule vielfach vorgegeben ist. Eine gemeinsame Schule bis 14 würde hier die Entwicklungschancen von Schülern mit Beeinträchtigung verbessern, so Biewer.

Problematisch: Kinder mit Behinderung können vom Kindergarten freigestellt werden

Hoch problematisch findet der Wissenschafter auch, dass Kinder mit Behinderung vom verpflichtenden letzten Kindergartenjahr freigestellt werden können und die Bildungspflicht bis 18 für einen Teil der Jugendlichen mit Behinderung nur eingeschränkt gilt. Noch "sehr ausbaufähig" seien die inklusiven Unterstützungssysteme bei der beruflichen Bildung, hier sieht Biewer auch noch viele Probleme beim Übergang von integrativer Beschulung in die Beschäftigung.

Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen würden zudem vielfach von der Schule in Werkstätten mit Arbeits- und Beschäftigungstherapien weitergeleitet. Hier müssten die Unterstützungssysteme viel stärker auf Modelle der unterstützten Beschäftigung am allgemeinen Arbeitsmarkt ausgerichtet werden. Und auch an den Hochschulen gebe es zu viele Barrieren, der Zugang zu persönlicher Assistenz für Studenten etwa sei je nach Bundesland unterschiedlich.

Große Versäumnisse auch bei Lehrerausbildung

Große Versäumnisse sieht Biewer außerdem bei der neuen Lehrerausbildung. Mit der Reform wurde die frühere Ausbildung für einzelne Schultypen ersetzt durch eine Ausbildung für Altersgruppen (Sechs- bis Zehnjährige bzw. Zehn- bis 19-Jährige), anstelle der bisherigen Sonderschullehrer-Ausbildung ist nun eine Spezialisierung auf Inklusive Pädagogik vorgesehen. Grundsätzlich sei das ein stimmiges Konzept, so Biewer, denn durch die gleichzeitige Verlängerung der Lehrerausbildung bedeute diese Umstellung eine Verdoppelung der Ausbildungsinhalte zu Inklusion. Das Problem: Obwohl ein extremer Personalmangel in diesem Bereich herrsche, gebe es keine Finanzierung für den Aufbau der Spezialisierung in Inklusiver Pädagogik im Lehramtsstudien.

(APA/Red)

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