TV-Nachrichten prägen Menschenbild im Ausland

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Wie stark beeinflussen Fernseh-Nachrichten unser Weltbild? Welche Meldungen wählen TV-Journalisten aus, welche Bilder werden dazu gezeigt und wie wirkt sich das auf das Menschenbild des Konsumenten aus? Forscher wollen jetzt die Fremdwahrnehmung durch Fernsehen ergründen.

Ein Forschungsprojekt von Kommunikationswissenschaftlern der Universität Hohenheim will in Zusammenarbeit mit Partnern aus 18 verschiedenen Ländern der Frage auf den Grund gehen, wie Fernsehnachrichten die Fremdwahrnehmung der Bevölkerung im Ausland prägen. Ausgehend von der Annahme, dass Auslandsnachrichten im TV maßgeblich bestimmen, was Menschen von anderen Nationen denken, wollen die Forscher herausfinden, welche Klischees durch die Fremdwahrnehmung gebildet werden. Im Mittelpunkt des Projekts steht all das, was Journalisten in den diversen Ländern für berichtenswert halten und wie die Bevölkerung das konstruierte Bild verinnerlicht, heißt es in einer Aussendung der Universität Hohenheim.

Für ihre Studie haben die Forscher rund 800 Nachrichtensendungen von 36 Kanälen, 1.500 Beiträge und tausende Minuten Sendematerial auf Band oder Festplatte zur Verfügung. An der Auswertung arbeiten Wissenschaftler aus der ganzen Welt mit. “Im Detail wollen wir wissen, wie sich Nachrichtensendungen von Land zu Land unterscheiden, welche Bilder von anderen Ländern sie in der Bevölkerung erzeugen und wie die Journalisten ihre Nachrichten auswählen”, sagt Thorsten Quandt, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Uni Hohenheim. Als Grundlage dienten den Forschern außerdem Erkenntnisse aus vorangegangenen Untersuchungen, etwa im Bereich der Wirkungsforschung, ergänzt Quandt. “Diese zeigen nachdrücklich, dass es deutliche Unterschiede in den Themen und Darstellungen der Nachrichten in verschiedenen Ländern gibt.”

Außerdem konnten die Wissenschaftler bereits erste Unterschiede bei der formalen Gestaltung von Sendungen feststellen. Während beispielsweise die Tagesschau in Deutschland exakt 15 Minuten dauert, können sich Nachrichten in Bulgarien auf eine Länge von bis zu einer Stunde hinziehen. Auch dass ein einzelner Sprecher die Nachrichten abliest, sei für fremde Beobachter eher ungewöhnlich. In vielen Ländern ähnelten die Nachrichten einer Diskussionssendung mit mehreren Teilnehmern, so die Forscher. Darüber hinaus zeigen sich auch im Inhaltsvergleich erste Ergebnisse. So wird etwa über die Supermacht USA weltweit am häufigsten berichtet, doch auch Deutschland kommt aufgrund der wirtschaftlichen Stärke in die Top-Ten, wie Quandt verrät. China wiederum zählt aufgrund seiner wachsenden ökonomischen Bedeutung zu den Nachrichten-Auftsteigern, wohingegen Afrika – abgesehen vom Nahen Osten – in der Auslandsberichterstattung nur marginal vorkommt.

International vergleichbar sind außerdem die Unterschiede zwischen Nachrichten von öffentlich-rechtlichen und Privatsendern, wobei die Privaten deutlich häufiger Sensationsberichterstattung betreiben. Besonderes Augenmerk wollen die Forscher aber auch auf Unterschiede verschiedener Gruppen innerhalb der Bevölkerung legen. Laut Quandt ist es möglich, dass Menschen mit unterschiedlichem Bildungsgrad auch ganz andere Schlüsse aus den einzelnen Sendungen ziehen oder Frauen Nachrichten anders wahrnehmen könnten als Männer.

“Bei unserer Forschung geht es nicht um die Vermittlung von Normen, sondern um die Präsentation – vorgeblicher – Fakten in Nachrichten”, erklärt Quandt gegenüber pressetext. Nachrichten seien natürlich mitnichten eine “reale Abbildung” einer “Welt da draußen”, sondern sie unterlägen auch Konstruktionsprozessen, zeigten uns also eine eigene Medien-Realität. “Das ist aber den Zuschauern oft nicht bewusst und sie nehmen daher das Präsentierte viel stärker als wahr an – selbst wenn einzelne Aussagen hinterfragt werden können, wird die medienvermittelte Weltsicht weitgehend akzeptiert. Insofern können wir hier von besonders starken und nachhaltigen Wirkungen dieses Formats ausgehen”, so der Forscher.

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