Tröpferlbad kann sich „brausen“ gehen

Ein Lokalaugenschein im Einsiedlerbad: „Stelln’s ihna vor, an den Samstagen waren an die 500 Leut’ da. Zwei Stunden haben die sich angestellt, bis sie drangekommen sind. Anfang der neunziger Jahre war das noch so.“

Ein bisserl Wehmut ist schon herauszuhören, wenn Fritz Zapletal von damals erzählt. Damals, als sein Dienstort am Einsiedlerplatz in Wien-Margareten das Publikum noch in Scharen anlockte. Doch die Zeiten sind längst vorbei – das Wiener Tröpferlbad scheint bald ausgedient zu haben.

Am Stiegengeländer glänzen die Doppeladler, die blank polierten Keramikkacheln strahlen mit den Steinfliesen um die Wette. Es riecht sehr nach Sauna und ein wenig nach Chlor. Herr Zapletal lässt ein selten gewordenes „Jo, grüß Sie Gott!“ durchs Stiegenhaus des 1889 erbauten Einsiedlerbades hallen. Ein Stammgast schleppt sich bei rund 30 Grad Innentemperatur die Stufen hinauf. Der Hausherr kommt wieder ins Sinnieren: „Wir haben einen 80-jährigen Herrn gehabt, der ist über Jahrzehnte gekommen – dann von einem Tag am anderen nicht mehr.“

Aber nicht nur die älteren Gäste werden immer weniger. „Vor 15 Jahren sind noch sehr viele Gastarbeiter gekommen, die keine Gemeindewohnung gehabt haben“, erzählt Zapletal. Sprich: „Zimmer-Kuchl“, keine Badewanne, nicht einmal eine Duschecke. Inhaber solcher Wohnungen waren über Jahrzehnte die Hauptklientel der Tröpferlbäder. Im Jahr 1950 kamen noch 5,1 Millionen Menschen zum Brausen, 1965 nur noch knapp 2,8 Millionen.

Doch selbst die 653.000 aus dem Jahr 1985 erscheinen heute utopisch: Ganze 14.600 Personen besuchten im Vorjahr die klassischen Tröpferlbäder. Sechs Stück gibt es noch in Wien, die meisten haben ohnehin Sauna dabei, sogar Dampfbad und Kaltbecken wird schon angeboten. Nützt alles nichts. „Früher hat sich der eine rasiert, der andere hat sich die Nägel geschnitten – dabei ist halt geplaudert worden.“ Zapletal vermisst die Gemeinschaftsduschen, da war noch was los. „Im Hermannbad hamma noch eine.“

Die Sache mit der „Kurzzeitbadekarte“ habe auch vieles verändert, meint Zapletal. Plötzlich waren nämlich in den Hallenbädern zwei Stunden baden und duschen billiger als eine Stunde im „Städtischen Brausebad“, wie die Tröpferlbäder offiziell heißen. „Eine widersinnige G’schicht“, sagt der gelernte Elektromechaniker, den es 1978 ins Bademetier verschlagen hat. Er kennt die Zeiten, als die Wassertemperatur noch von Betriebsmeister und Heizer geregelt wurde, als die Duschgäste oft schmerzerfüllt „haaaaaß!“ oder „kooooid!“ brüllten.

Seit einigen Jahren sind die Bezirke für die Finanzierung der Tröpferlbäder zuständig. „Und die haben kein Geld. Doch zusperren traut sich auch keiner“, sagt Zapletal, tauscht mit der Kassierin ein vertrautes „Servas!“ aus und wird wieder ein bisserl wehmütig: „Naja, irgendwann wird’s aber eh soweit sein…“

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