Theater hinter Gittern

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"Date your Destiny“ ist ein Theaterstück mit jungen Darstellern, das handfeste Probleme von jugendlichen Migranten auf moralinarme Weise behandelt, in professioneller Aufmachung, mit viel Witz und mitreißenden Choreografien.

Ungewöhnlich sind allerdings Spielstätte und Mitwirkende: Die Uraufführung ging gestern, Mittwoch, in der Justizanstalt für Jugendliche in Gerasdorf im südlichen Niederösterreich über die Bühne.

Ein Theaterworkshop, den die Regisseurin Tina Leisch seit eineinhalb Jahren in der Anstalt leitet, führte zur Erarbeitung des Stücks, gemeinsam mit den Häftlingen und in Kooperation mit Studierenden der Sozialarbeit an der Fachhochschule St. Pölten. Abgesehen von Sandra Selimovic, dem Choreografen Zoran Bogdanovic und – in Video-Einspielungen – Pippa Galli, Alexander Peer, Osman Yildirim und Gantulga Jambaa agierten ausschließlich Insassen auf der Bühne. Sie meisterten nicht nur alle sprachlichen Hürden mit einigem Charme (Text: Alma Hadzibeganovic), sondern legten auch verblüffendes komödiantisches und tänzerisches Talent an den Tag. Weitere Aufführungen, zum Teil auch öffentlich zugänglich, folgen in Haftanstalten in Wien und Niederösterreich (Information: Tel. 0699 / 19422209).

Margitta Essenther, Leiterin der Justizanstalt, zitierte eingangs Henry Miller: „Ein Theaterstück, selbst ein zorniges, ist immer auch ein Liebesbrief an die Welt“. „Alle meine Theaterarbeiten sind Experimente“, erklärte Tina Leisch: „Diesmal war’s besonders spannend!“ Eine Spannung, die sich fast bis zum Schluss auch aufs Publikum übertrug.

Nicht zu übersehen blieb die triste Realität: Nach der Vorstellung unterhielten sich die Besucher noch im Hof. Hinter den vergitterten Fenstern blickten überall junge Gesichter hervor. Da rief ein Häftling zu den Gästen hinunter: „Würden Sie bitte nicht lachen! Das ist ein trauriges Haus, wir haben hier alle Probleme…“

Dem ist trotz des gelungenen Vorzeige-Theaterprojekts und der in den letzten Jahren getroffenen Renovierungsmaßnahmen Glauben zu schenken. Die Anstalt ist mit 132 Insassen aus 21 Nationalitäten derzeit überbelegt. Drei Psychologen, vier Ärzte, vier Sozialarbeiter, drei Lehrer stehen zur Verfügung. Für ideelle und materielle Hilfestellungen engagiert sich seit 1988 der Gefangenenunterstützungsverein „Der Weg“ (Tel. 02638 / 77431 – DW 620).

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