Tetro

Regie-Legende Francis Ford Coppola hat sich in seinem Spätwerk "Tetro" Südamerika als Schauplatz gewählt und sich auch stark von den dortigen Fernseh-Familien-Sagas, den Telenovelas, beeinflussen lassen.

Das hätte sich Bennie wohl anders vorgestellt, als er auf einem Touristenboot angeheuert hat, um in Buenos Aires seinen vor Jahren verschwundenen Bruder Tetro (Vincent Gallo) zu finden. Denn der will lieber schlafen als mit dem Teenager zu reden. Und knallt recht unfreundlich die Tür zu. Auch in Folge kommt in der Künstler-Familie alles anders als gedacht. Regie-Legende Francis Ford Coppola hat sich in “Tetro” (ab Freitag in den österreichischen Kinos), in dem Klaus Maria Brandauer eine Doppelrolle als verkrachtes Dirigenten-Brüderpaar spielt, Südamerika nicht nur als Schauplatz gewählt – sondern sich auch stark von den dortigen Fernseh-Familien-Sagas, den Telenovelas, beeinflussen lassen.

Mit seinem Spätwerk “Tetro”, das heuer die Schiene “Festival Quinzaine des Realisateurs” in Cannes eröffnete, hat der große Coppola dezidiertes Independent-Feeling gesucht: schwarz-weiß gedreht, mit ruhigen Bildern, einer bizarren Personage. Und einer Handlung, die genau jene Mischung an voyeuristischer Faszination am Familienzwist und antiker Tragödie hat, die in den Telenovelas das Publikum vor den Fernsehern bannt. Ödipus lässt ebenso grüßen wie Dallas. Und ein Ende ist nicht in Sicht – Telenovelas laufen jahrelang, und Coppola hat in “Tetro” gezeigt, dass sich familiäre Gewaltmuster von Generation zu Generation fortpflanzen.

Tetro hat sich von seinem übermächtigen Vater, einem so weltberühmten wie machtversessenen Dirigenten, losgesagt und ist nach Südamerika gegangen. Er hat sich von seiner Familie “geschieden”, keift er Bennie an. Doch Entkommen gibt es keines vor jenen inneren Wunden, die die Familie ihm geschlagen hat. Und von deren Zusammenhängen der kleine Bennie (Alden Ehrenreich) erst nach und nach eine Ahnung bekommt. Autor will Tetro werden. Aber sein Vater Carlo Tetrocini hat nicht nur seinen Bruder Alfie an der künstlerischen Karriere gehindert, auch dem Sohn wird der eigene Weg verwehrt. “Es kann nur ein Genie in der Familie geben”, sagt Carlo, und meint damit sich selbst. Leider strebt dies Bild rasant Richtung Künstlerkitsch, die ganze Familie zeigt verschiedene Facetten eines postromantischen Zerrbildes vom vielfältig leidenden Kunstgenie.

Doch die Egomanie im Künstlerischen ist längst nicht alles: Coppola verhandelt Urängste in der Vater-Sohn-Beziehung, Konkurrenzkampf zwischen Geschwistern, familiäre Verlogenheit. Zwar geht Gallo in der Rolle des mental und emotional fast tödlich verwundeten Tetro völlig auf, auch Brandauer herrscht auf der Leinwand wie im Film. Letztlich ist es aber eben diese Eindimensionalität des Tragischen, die dem Film vieles an Kraft nimmt. Aus den Ecken und Kanten des Streifens sickert eine Ahnung davon, dass Regisseur und Drehbuchautor Coppola sich vom Persönlichen an der Geschichte übermannen ließ. Und am Schluss geht es dem Zuseher durchaus ähnlich wie Tetro: Von dieser Familie will man wahrlich nichts mehr wissen.

http://www.tetro.com

 

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