Studie über afrikanische Häftlinge

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Am Mittwoch präsentierten das Justizministerium und das Institut für Strafrecht und Kriminologie der Uni Wien eine umfassende Studie über afrikanische Häftlinge in der JA Josefstadt.

Die Lebensbedingungen dieser Personengruppe waren noch nie derart eingehend untersucht worden. „Diese Leute sind im Wesentlichen Opfer und werden aus der Opferrolle heraus zu Tätern. Sie sind nach in ihrer Heimat erlebten Gewalt viktimisiert und traumatisiert. Eine Gefahr gegen Leib und Leben geht von ihnen eher nicht aus“, fasste Michael Neider, Sektionschef für Strafvollzug im Justizministerium, zentrale Ergebnisse der Studie zusammen. „Es sind keine Mörder, Vergewaltiger, Räuber, Gewalttäter. Das Bild des ’Schwarzen Mannes’, vor dem man sich fürchten muss, ist nicht gegeben“, betonte der Kriminologe Christian Grafl.

90 Prozent der befragten Afrikaner sitzen im Wiener Landesgerichtlichen Gefangenenhaus in Haft, weil sie sich als Straßenverkäufer von Drogen betätigt haben. Durchschnittlich fünf Euro haben sie für eine verkaufte Kokain- oder Heroinkugel erhalten. „Das ist für sie eine der wenigen realistischen Möglichkeiten, den Lebensunterhalt zu verdienen“, bemerkte Grafl.

Im Untersuchungszeitraum August 2006 hatte die Justizanstalt Josefstadt 175 Häftlinge mit afrikanischer Herkunft. 100 waren zu eingehenden Interviews bereit, die interessante Erkenntnisse zu Tage gefördert haben. So gab eine deutliche Mehrheit an, die heimischen Behörden als fair zu erleben bzw. erlebt zu haben. 59 Prozent fühlen sich in Österreich „sehr sicher“. 23 Prozent bewerten die Polizei und deren Arbeit als „eher schlecht“, während sie immerhin 27 Prozent als „gut“ oder „sehr gut“ einstuften. 35 Prozent erschien sie „mittelmäßig“. Über 80 Prozent halten die Polizeibehörden für effizient.

Die Wahrscheinlichkeit, in Afrika Opfer von gewalttätigen Übergriffen zu werden, sei weit höher als in Österreich physische Gewalt zu erleben, so die Studie. Die Frage nach einer Viktimisierung durch die österreichische Polizei beantworteten 72 Prozent der afrikanischen Häftlinge mit „Nein“, während sie jeder Fünfte bejahte. In Bezug auf die Justizwache antworteten nur acht Prozent mit „Ja“, während 81 Prozent die Frage verneinten.

Demgegenüber haben 56 Prozent der Insassen in Afrika Gewalt am eigenen Leib verspürt, was viele überhaupt erst dazu bewog, nach Europa zu fliehen und hier um Asyl anzusuchen. Wie Michael Platzer, einer der Studienautoren, darlegte, befinden sich im Landesgerichtlichen Gefangenenhaus mehrere ehemalige Kindersoldaten, ein junger Mann, der in Mauretanien jahrelang als Sklave gehalten wurde, und ein Mann aus Sierra Leone, dessen Hütte in Brand gesteckt wurde, wobei seine gesamte Familie umkam. „Nur er hat halbverbrannt überlebt“, berichtete Platzer. Auch gezielter Folter wären einige der Häftlinge in ihren Heimatländern ausgesetzt gewesen.

Platzer verlangte, diesen Männern nach ihrer Entlassung eine Beschäftigungsmöglichkeit zu geben, um sie nicht wieder straffällig werden zu lassen. Immerhin die Hälfte von ihnen will nämlich laut Studie in Österreich bleiben. „Sie sind jung, wollen arbeiten. Sie schlagen vor, die Straßen zu kehren, in Gärten zu arbeiten, Kirchen auszumalen. Sie brauchen etwas zu tun“, stellte Platzer fest.

Grafl trat in diesem Zusammenhang für mehr Integrationsprogramme im Gefängnis, vor allem aber für eine Aufhebung des „Arbeitsverbots“ für Asylwerber ein. Von der Justiz wünschte sich der Kriminologe, mehr auf gemeinnützige Arbeit und weniger auf die Verhängung von Haftstrafen zu setzen.

Das Justizministerium signalisierte Gesprächsbereitschaft. „Angesichts dieser Studie sehen wir einen Bedarf, der uns in dieser Form bisher nicht bekannt gewesen ist. Wir wollen mehr Hilfe anbieten, dafür muss Geld vorhanden sein. Und man sollte dieser Personengruppe die Möglichkeit geben, auf anderem Weg als durch Kleinkriminalität den Lebensunterhalt zu verdienen“, bemerkte Sektionschef Neider abschließend.

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