Starautorin Friederike Mayröcker feiert 85sten Geburtstag

Mit ihren Lyrik- und Prosa-Werken zählt Friederike Mayröcker zu den bedeutendsten Autorin der österreichischen Gegenwartsliteratur.
Mayröcker wird 85
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Sie zählt zu den am höchsten dekorierten Protagonistinnen und Protagonisten der österreichischen Gegenwartsliteratur, genießt mit ihrem ebenso umfangreichen wie eigenwilligen Lyrik- und Prosa-Werk höchstes Ansehen in der Fachwelt und ist mit ihrer schwarz verhüllten Gestalt und ihrer zettelübersäten Wohnung, in der sie aus Platzgründen keine Besucher mehr empfängt, zu einer Art Legende geworden: Am 20. Dezember feiert die große österreichische Poetin Friederike Mayröcker ihren 85. Geburtstag.

Als “bekannt, aber nicht gekannt” bezeichnete ein Literaturwissenschafter einmal die u.a. mit dem Großen Österreichischen Staatspreis und dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnete Dichterin, die vielfach bewundert, aber nur von wenigen wirklich gelesen wird. “Ich lebe nur in Sprache”, bekennt Mayröcker, der Leben und Literatur eins sind, “Ich kann alles durch meine Augen in mich aufnehmen und aus mir herausschreiben.” Seit über fünf Jahrzehnten entstehen so in dichter Folge Prosa- und Lyrikbände. “Das Gedichte Schreiben ist so eine Art Aquarellieren, das Prosa Schreiben ist eine harte Kunst wie eine Skulptur Anfertigen”, schilderte Mayröcker, deren zweite Liebe der Bildenden Kunst gehört, kürzlich in einem APA-Interview, “Es sind zwei wirklich ganz verschiedene Zugehensweisen, und ich fühle das auch im Körper ganz anders.” Nahezu hundert Publikationen sind es seither geworden, seit 1975 fast durchwegs im renommierten Suhrkamp Verlag, wo im Mai auch die nächste große Prosaarbeit erscheinen wird: “ich bin in der Anstalt. Fußnoten zu einem nichtgeschriebenen Werk”.

1924 in Wien als Tochter eines Lehrers und einer Modistin geboren, wurde Mayröcker als Kind wegen ihrer zarten Gesundheit stark von der Außenwelt abgeschirmt. Bereits als 15-Jährige begann sie kurze emotionale Prosatexte zu schreiben. In der Literaturzeitschrift “Plan” veröffentlichte sie 1946 erste Gedichte. Im selben Jahr begann sie als Englischlehrerin an Wiener Hauptschulen zu unterrichten. “Ich war eine schlechte Pädagogin. Ich wollte nie diesen Lehrberuf ausüben, aber meine Eltern haben gemeint, dass das ein für mich geeigneter Brotberuf wäre”, erinnert sich Mayröcker, die noch heute von Schreckensträumen verfolgt wird: “Es fehlt ein Kollege oder eine Kollegin und ich muss supplieren!” Ein 1950 begonnenes Germanistik-Studium musste sie abbrechen, weil ihre Lehrerinnentätigkeit die wirtschaftliche Basis der Familie sicherte. Nach einigen vorübergehenden Beurlaubungen konnte sie erst 1969 aus dem Schuldienst ausscheiden und sich ganz dem Schreiben widmen.

1951 stieß Mayröcker zu einem Kreis junger Autoren um Hans Weigel, dem u.a. Ingeborg Bachmann und Hertha Kräftner angehörten. Sie lernte Andreas Okopenko kennen und 1954 Ernst Jandl, der die nächsten Jahrzehnte ihr “Hand- und Herzgefährte” war. Sein Tod im Jahr 2000 erschütterte die Dichterin tief, ihre Trauerarbeit schlug sich in zahlreichen Büchern nieder. Ehe Mayröcker sich experimentelle Techniken der Collage, Montage, Assoziations- und Traumarbeit aneignete, erschien 1956 “Larifari. Ein konfuses Buch” mit Prosaskizzen der vorexperimentellen Phase. 1964 erschien ihr schmaler Gedichtband “metaphorisch”, 1966 schließlich brachte Rowohlt die umfangreiche Gedichtauswahl “Tod durch Musen” heraus: “Da habe ich gedacht: Vielleicht ist das wirklich mein Weg”, sagt die Dichterin heute. Zwischen 1967 und 1971 verfasste Mayröcker eine Reihe von Hörspielen, vier davon gemeinsam mit Jandl, darunter das 1968 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnete “Fünf Mann Menschen”.

Nach den beiden experimentellen Prosabüchern “Minimonsters Traumlexikon” (1968) und “Fantom Fan” (1971) wandte Mayröcker sich vom “experimentellen Purismus” ab, um wieder mehr Erfahrungswirklichkeit in ihre Arbeit zu integrieren. Diesen Einschnitt markiert die Erzählung “je ein umwölkter gipfel” (1973). In der Folge versuchte die Dichterin, eine “neue experimentelle Romanform” zu entwickeln. Mit suggestiver, metaphorisch geprägter Prosa von lyrischem Charakter löste sie herkömmliche Vorstellungen von erzählender Literatur, Geschichte und Identität auf und beeinflusste damit junge Autoren im gesamten deutschen Sprachraum.

Mayröckers große Prosa-Arbeiten – etwa “Die Abschiede” (1980), “Das Herzzerreißende der Dinge” (1985), “mein Herz mein Zimmer mein Name” (1988), “brütt oder Die seufzenden Gärten” (1998) oder “Und ich schüttelte einen Liebling” (2005) – sind “keine Autobiografie, dennoch authentisch”, wie die Autorin es einmal charakterisiert hat. Im Prosaband “Die kommunizierenden Gefäße” heißt es über ihren literarischen Alltag: “Ich beginne den Tag indem ich versuche, jegliche kleinste Verrichtung, jeden Handgriff, zu verbalisieren, das ist 1 Schreiben hinter dem Schreiben, sage ich, es löst sich alles in Sprache auf (…)” Mayröckers gesammeltes lyrisches Werk umfasst viele hundert Seiten, jüngst kamen unter dem Titel “dieses Jäckchen (nämlich) des Vogels Greif” die 2004 bis 2009 entstandenen Gedichte hinzu. Im letzten dort abgedruckten Text, der aus dem März 2009 stammt, heißt es: “ich / habe ja erst angefangen zu schauen zu sprechen zu schreiben zu weinen”.

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