"Standard"-Chefredakteurin Föderl-Schmid vermisst Streitkultur

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Was die Debattier- und Streitkultur betrifft, könnten sich österreichische Politiker und Medienunternehmen einiges vom Nachbarland Deutschland abschauen.

Das meinte Alexandra Föderl-Schmid, Chefredakteurin der Tageszeitung “Der Standard” und selbst jahrelang Korrespondentin in Deutschland, gestern, Montag, Abend im Zigarrenklub in Wien. Dass typische “Jeder kennt Jeden” im “wunderbaren Biotop Österreich” führe dazu, dass vieles “hinten herum” läuft und zu wenige Diskussionen in der Öffentlichkeit geführt werden.

“Es gibt keine wirkliche Streitkultur in Österreich”, so Föderl-Schmid. Selbst wenn die Koalitionspartner im Dauerclinch liegen, handle es sich dabei häufig nur ein “Hick-Hack”; in jedem Fall kein Vergleich zu dem Niveau, auf dem in Deutschland Argument und Gegenargument in öffentlichen Diskussionen gegeneinander aufgestellt würden. Schuld daran sei nicht nur ein frontales Schul- und Universitätssystem, in dem die Lehre von Rede und Gegenrede wenig Platz finden. Debatten würden oft auch auf der Stelle treten, weil es hierzulande – anders als in Deutschland mit den “Thinktanks” und Stiftungen – einen Mangel an Experten gebe und auch nur eingeschränkt Themensetzung stattfinde.

“Wenn man eine Woche weg ist, hat man noch immer nicht das Gefühl, das Rad hat sich weitergedreht”, meinte die “Standard”-Chefredakteurin mit Hinweis auf sich wiederholende Programmpunkte wie den Ortstafelstreit. Die Innenpolitik würde in den Debatten dominieren, die EU hingegen noch immer als etwas Fremdes betrachtet.

Hemmend für eine produktive Streitkultur wirke sich auch die Medienkonzentration sowie die persönlichen Verschränkungen zwischen den diversen Ebenen aus: Es sei erschreckend, wie häufig Pressesprecher, Politiker und Journalisten hierzulande untereinander “per Du” sind. Scharfe Kritik kam in diesem Zusammenhang an der Praxis, wonach Interviews oft nur an Medienvertreter gegeben werden, “die man kennt” – und “wenn ein Pressesprecher in Österreich nicht zurückrufen will, tut er es nicht”, skizzierte Föderl-Schmid weitere Unterschiede zwischen den beiden Ländern.

“Die Medien haben in Österreich nicht wirklich die Stellung einer vierten Gewalt.” “Sehnsucht” nach Deutschland – Föderl-Schmid musste nach eigenen Angaben für ihren aktuellen Job zur Rückkehr überredet werden – ereilt die “Standard”-Chefredakteurin unter anderem auch, wenn es um das Thema Einflussnahmen geht. Bei ihrer Zeitung sei dieser Punkt im Gegensatz zu anderen Medieninstitutionen weniger ein Problem, aber: “Generell ist Intervenieren in Deutschland nicht so üblich wie wir es in Österreich von ORF-Kollegen kennen.” Im Bezug auf den vor einem Jahr verstorbenen News-Herausgeber und Aufdeckungsjournalisten Alfred Worm bedauerte Föderl-Schmid, dass es zu wenige Journalisten im Lande gibt, die in Worms Fußstapfen treten könnten.

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