St. Vincent bezirzte die Arena Wien

Annie Clark alias St. Vincent begeisterte das Publikum in Wien.
Annie Clark alias St. Vincent begeisterte das Publikum in Wien. ©AP
Annie Clark hat alles unter Kontrolle: Wenn die 32-jährige US-Amerikanerin als St. Vincent auf der Bühne steht und ihr eigenwilliges Verständnis von Popmusik zelebriert, scheint nichts dem Zufall überlassen. So auch bei ihrem Wien-Gastspiel am Dienstagabend in der Arena: Es wurde ein eineinhalbstündiger Kurs in theatralischer Inszenierung, der zum Ende hin mit Rock-Gesten explodierte.

Von ihrer dreiköpfigen Band unterstützt, nutzte Clark den Opener “Rattlesnake”, um sich dem Publikum mittels kantiger Tanzbewegung und eindringlicher Mimik zu nähern.

Ihre gräulich-blau gefärbten Locken streng nach hinten gebunden, blickte die Sängerin und Gitarristin prüfend in die Runde. Und es sollte tatsächlich etwas dauern, bis sich ein gegenseitiges Verständnis mit den Menschen vor der Bühne einstellte. Clark begegnete der anfänglichen Reserviertheit mit Charme und Humor – und vor allem Selbstbewusstsein.

Starke Bühnenpräsenz von St. Vincent

Kein Wunder, hat sie doch mit Alben wie “Strange Mercy”, der Kollaboration “Love This Giant” mit David Byrne oder der aktuellen, selbstbetitelten Platte ihren Platz in der alternativen Szene einzementiert. “Je länger man das macht, umso schärfer wird die eigene künstlerische Linse”, verriet sie vor dem Auftritt. “Man trifft Entscheidungen anders, verlässt sich auf seine Instinkte und Intuition. Und natürlich wird man dann selbstbewusster in dem, was man sagen will und wie man sich ausdrückt.”

Artikuliert wurde neben stimmlicher Extravaganz in erster Linie mittels knackiger Beats (Drummer Matt Johnson gab sich stoisch-präzise), atmosphärischen Keyboardflächen von Daniel Mintseris und natürlich dem Gitarrenspiel der Künstlerin. Wie sie bei “Huey Newton” mit Toko Yasuda die Äxte kreuzte, hatte nicht nur Unterhaltungswert, sondern fuhr ordentlich in die Magengrube: Repetitiver Blues im verzerrten Zustand, der wunderbar dröhnend zum Erlebnis wurde.

Rock und Leichtigkeit in der Arena

Weiters wurde beim zärtlichen “Prince Johnny” geschmachtet, “Digital Witness” in die Großraumdisco gehievt und gab Clark das einnehmende “Cheerleader” erhöht auf einem Podest stehend, mit der Gitarre im Anschlag. Wollte sie mit der neuen Platte ihre “Idee von Unterhaltung” ins Zentrum rücken, so glückte das der Musikerin auch live hervorragend. Hier wurde zwar – gerade angesichts ausgefeilter Lichteffekte und teils eingestreuter Kurzchoreografien mit ihren Kollegen – Konzeption großgeschrieben, aber ohne den spontanen Geist eines Rockkonzerts zu vernachlässigen.

Insgesamt erweckte der Auftritt einen Eindruck von Leichtigkeit, den Clark auch auf in ihren Studioaufnahmen versprüht. “Das ist wie bei einem Schneider: Es soll genau passen, ohne dass man die Nähte sieht”, schmunzelte sie darauf angesprochen. “Beim Songschreiben und Aufnehmen ist es sehr ähnlich.” Zuletzt habe sie sich “etwas geradliniger” gegeben und “eher in Primärfarben” ausgedrückt, wie es die Musikerin umschreibt.

Geschichten für die Wiener Fans

In ihren Bann zog Clark das Publikum auch mit eingestreuten Geschichten, die sie zur Auflockerung zum Besten gab: Da wurde von kindlichen Flugversuchen mit leeren Pizzaschachteln an den Armen erzählt, oder dem Gefühl, von einem Verkäufer als Dieb angesehen zu werden, ohne einer zu sein. Clark sprang dabei assoziativ zwischen Seriosität und Witz, Traum und Realität.

“Ich träume von Musik, mache mir Notizen, wenn ich aufwache, und sammle Ideen auf der ganzen Welt. Es ist meine Art, um Erfahrungen zu verarbeiten. Am Ende entsteht ein Song”, schlug sie wenige Stunden davor den Bogen dazu. Am Ende des Abends ergoss sich eine stürmische Version von “Your Lips Are Red” über das Auditorium, die den Höhepunkt markieren sollte. Avantgarde und Eingängigkeit, Intimität und Brutalität: Annie Clark fühlt sich überall zuhause.

(APA)

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