Spanien: Erst der Beginn des Albtraums?

Erst die Attentate auf vier Pendlerzüge mit fast 200 Toten, dann ein verhinderter Bombenanschlag und nun eine selbstzerstörerische Explosion mutmaßlicher Terroristen.

Spanien kommt erst gar nicht dazu, sich vom Schock des Blutbades vom 11. März zu erholen. Das Land lebt zwar seit 40 Jahren mit dem Terror der baskischen Untergrundorganisation ETA, doch nun sieht es sich einer völlig neuen und nur schwer überschaubaren Dimension der Bedrohung gegenüber: die des islamischen Extremismus. Und die Hoffnung vieler, nach dem Massaker vor fast vier Wochen werde wieder Ruhe einkehren, erwies sich als Trugschluss.

„Vielmehr scheint das der Beginn des Albtraums gewesen zu sein“, meinte eine Reisende auf dem Madrider Atocha-Bahnhof, während sie nach dem Bombenfund an der Bahnstrecke nach Sevilla am Freitag vergeblich auf die Abfahrt ihres Zuges wartete. „Die alarmierende Schlussfolgerung ist, dass sich Spanien im Fadenkreuz islamischer Terroristen befindet“, stellte die Zeitung „El Mundo“ fest. In der Tat sind Ermittler inzwischen überzeugt, dass Spanien dem Netzwerk El Kaida nicht mehr nur als wichtigstes Rückzugsgebiet in Europa dient, sondern zu dessen zentraler Operationsbasis geworden ist – und zu einem der Hauptziele. Neue Anschläge werden deshalb keineswegs ausgeschlossen.

Die Ereignisse nach dem 11. März seien der Beweis dafür, dass das Blutbad von Madrid nur der Anfang einer neuen Welle des „Heiligen Krieges“ in Europa gewesen sei, zitierte die Zeitung „El Paós“ einen Antiterror-Experten. Politiker warnen indes, es sei zynisch, nun zwischen den Ländern zu unterscheiden, die wie im Falle der abgewählten Regierung von José Maróa Aznar den Irak-Krieg unterstützt hatten und jenen, die dagegen waren. Die Bedrohung treffe alle, wird stets betont.

In Spanien führt dies dazu, dass erstmals seit dem Ende der Franco-Diktatur (1939-1975) die Streitkräfte massiv in die Terror-Abwehr mit einbezogen werden. Bisher war das nur bei punktuellen Großereignissen der Fall gewesen. Soldaten bewachen inzwischen nicht nur strategische Einrichtungen wie Atomwerke, Erdölraffinerien oder Staudämme, sondern nach dem Bombenfund vom Freitag auch Bahnstrecken oder Bahnhöfe. Bezeichnend war, dass Verteidigungsminister Federico Trillo und Generalstabschef Antonio Moreno Barberà anwesend waren, als das neue Sicherheitskonzept im Innenministerium vorgestellt wurde.

Beunruhigend ist für viele Spanier auch, dass die Anschläge des 11. März verübt werden konnten, obwohl schon damals – drei Tage vor den Parlamentswahlen – die höchste Alarmstufe herrschte und Tausende Polizisten in Madrid im Einsatz waren. Gerechnet worden war aber mit einem Attentat der ETA. „Wir glaubten die El-Kaida-Leute in Spanien unter Kontrolle, deshalb wähnten wir uns in Sicherheit“, räumte ein Polizeichef ein.

„Die Regierung hätte die Terroristen nicht erkannt, selbst wenn sie diese vor der eigenen Nase gehabt hätte“, schrieb „El Paós“. Dass die Extremisten in der Lage waren, trotz der Polizeierfolge mit 24 Festnahmen nach dem 11. März und der riesigen Fahndungsaktion eine Bombe an Spaniens Vorzeige-Bahnstrecke zu legen, beweise nur deren gefährliche Schlagkraft. Auch die Polizisten sehen sich mit ganz neuen Gefahren konfrontiert: Mit Terroristen, die bereit sind, sich selbst in die Luft zu sprengen und andere mit in den Tod zu reißen, hatten es die spanischen Sicherheitskräfte noch nie zu tun gehabt.

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