Somalia: Stadt Jowhar erobert

Im Kampf um die Herrschaft in Somalia haben von Äthiopien unterstützte regierungstreue Truppen nach eigenen Angaben den Islamisten am Mittwoch eine Niederlage beigebracht.

Die Soldaten eroberten die strategisch wichtige Stadt Jowhar, die nur 90 Kilometer von Mogadischu entfernt liegt. Die Truppen näherten sich der von Islamisten gehaltenen somalischen Hauptstadt bis auf 30 Kilometer. Die in Baidoa etablierte Regierung kündigte ein weiteres Vorrücken Richtung Mogadischu an. Der UNO-Sicherheitsrat konnte sich unterdessen nicht auf einen Aufruf zur Waffenruhe in dem völlig verarmten Land einigen.

„Wir werden morgen Mogadischu angreifen, von zwei Richtungen aus“, sagte der somalische Kriegsherr und frühere starke Mann in Jowhar, Mohammed Dheere, der die regierungstreuen Truppen anführte. „Die Regierung hat Jowhar eingenommen“, beschrieb der Augenzeuge Mahamud Ismail das Vorrücken des somalischen Militärs. „Ich sehe Regierungstruppen in gepanzerten Fahrzeugen, die islamistische Soldaten in Richtung Mogadischu jagen.“ Vor dem Angriff auf Jowhar ergriffen mehrere hundert Menschen die Flucht. Bewohner der Stadt gaben an, mehr als 60 Islamisten und mehr als 45 Regierungssoldaten seien getötet worden.

Bei den Kämpfen um die Stadt gab es den bisher engsten Kontakt zwischen den verfeindeten Gruppen, nachdem sie einander zuvor überwiegend aus der Luft und mit weit reichenden Waffen angegriffen hatten. Die Islamisten haben nach eigenen Angaben bisher hunderte Menschen getötet. Äthiopien sprach von bis zu 1000 getöteten Islamisten. Dem Roten Kreuz zufolge wurden mindestens 800 Menschen verletzt.

Der Rat der Islamischen Gerichte, der vor der Offensive weite Teile des Landes kontrollierte, bereitet sich möglicherweise auf einen Guerillakrieg vor. „Unsere Schlangen sind bereit, den Feind überall in Somalia zu beißen“, sagte Sheikh Mahmud Ibrahim Suley. Die äthiopischen Soldaten waren am Dienstag weiter auf Mogadischu zumarschiert und hatten einen baldigen Sieg über die Islamisten angekündigt. „Wir haben bereits die Hälfte unserer Ziele erreicht“, sagte der äthiopische Premier Meles Zenawi. Die Islamisten seien entscheidend geschlagen und befänden sich auf dem Rückzug. „Sobald wir die zweite Hälfte unserer Ziele erreicht haben, werden wir Somalia wieder verlassen.“ Die Islamisten wiesen die Angaben zurück und erklärten, es werde einen langen Krieg geben. Augenzeugen zufolge waren tausende islamistischer Kämpfer in Richtung Front gebracht worden.

Hilfsorganisationen erwarten angesichts der Unruhen eine Welle von bis zu 200.000 Flüchtlingen. Das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) gab am Mittwoch bekannt, dass es Hilfsgüter für 50.000 Vertriebene sowie zusätzliche Nothilfe-Experten in die Krisenregion am Horn von Afrika schicken wolle, um für eine allfällige Massenflucht vorbereitet zu sein. Der UNO-Flüchtlingshochkommissär, Portugals Ex-Premier Antonio Guterres, appellierte an alle Streitparteien, „humanitäre Grundsätze zu achten und die Zivilbevölkerung zu schützen“.

In New York konnte sich der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am Dienstag nicht auf eine Erklärung zu Somalia einigen. Ein Entwurf des Emirats Katar, das zurzeit den Vorsitz innehat, stieß bei anderen Mitgliedern auf Ablehnung. In dem Dokument wurde ein sofortiger Abzug aller ausländischen Truppen aus Somalia gefordert. Namentlich wurde Äthiopien genannt. Der UNO-Sondergesandte Francois Lonseny Fall sprach sich in einer Dringlichkeitssitzung für einen sofortigen Waffenstillstand aus. In Washington signalisierte der Sprecher des Außenministeriums, Gonzalo Gallegos, die Unterstützung der USA für das äthiopische Vorgehen.

1977/78 hatten Äthiopien und Somalia einen verlustreichen Krieg um die Region Ogaden geführt. Damals unterstützte die Sowjetunion Äthiopien, der somalische Diktator General Mohammed Siad Barre brach daraufhin mit Moskau und erhielt US-Waffenhilfe. Nach dem Sturz von Siad Barre 1991 versank Somalia in Chaos und Anarchie. Die islamistischen Machthaber in Mogadischu hatten Äthiopien zuletzt den „heiligen Krieg“ erklärt. Die Milizen der islamischen Tribunale hatten sich im Frühjahr in schweren Kämpfen gegen die von den USA unterstützte Warlord-„Allianz für die Wiederherstellung des Friedens und gegen Terrorismus“ (ARPCT) behauptet. Nach Informationen der „New York Times“ wurden die Führer der Anfang des Jahres gebildeten ARPCT vom US-Geheimdienst CIA mit Geldsummen von bis zu 150.000 Dollar monatlich unterstützt.

Experten befürchten, dass Somalia zum Schauplatz eines regionalen Kriegs werden könnte. Nach einem UNO-Bericht beliefern zehn Staaten die Konfliktparteien in Somalia mit Waffen und Ausrüstung. Die Islamisten, die Somalia in den vergangenen Monaten Stück für Stück aus den Händen von Kriegsfürsten erobert haben, werden von Eritrea unterstützt, das wiederum mit Äthiopien verfeindet ist.

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