So will Österreich seinem Daten-Chaos Herr werden

Bei Daten wird in Österreich nicht das volle Potential ausgeschöpft.
Bei Daten wird in Österreich nicht das volle Potential ausgeschöpft. ©APA
Datenforschung in Österreich ist seit jeher eine schwierige Aufgabe, denn oft weiß der Kopf nicht, was Hand und Fuß gerade machen. Das geplante "Austrian Micro Data Center" (AMDC) soll daher künftig als Schnittstelle dienen.

Das kürzlich auf den Weg gebrachte "Austrian Micro Data Center" (AMDC) könne Österreich beim Zugang zu für die Forschung relevanten Daten vom "Nachzügler" in eine Top-Position hieven. Das erklärten die Demographin Alexia Fürnkranz-Prskawetz und Statistik Austria-Generaldirektor Tobias Thomas gegenüber der APA. Die Initiative berge auch die Möglichkeit, der evidenzbasierten Politik auf die Sprünge zu helfen. Letztlich brauche es eine gesamthaft neue Art im Umgang mit Daten.

Schlecht gewartete, unübersichtliche Datenberge

Seit vier Jahrzehnten fallen digitale Daten in einem Ausmaß an, das historisch einzigartig ist. Mit dem Umgang damit haben allerdings viele Institutionen bis heute ihre liebe Not. Letztlich sitzt man vielerorts auf schlecht gewarteten, unübersichtlichen Datenbergen, die kaum sinnvoll zusammengeführt werden. Einen kleinen, aber sehr sichtbaren Einblick darin hat die Coronakrise offenbart, wo teilweise verschiedene Zahlen zu ein und demselben Sachverhalt auf dem Tisch lagen. Das illustriere, "dass wir uns eigentlich um das Thema 'Data Governance' kümmern müssen", so Thomas.

Zusammenspiel zwischen Staat und Wissenschaft

Dazu gehöre u.a. auch ein sinnvolles Zusammenspiel zwischen öffentlichen Einrichtungen, die wichtige Daten erheben und halten, und der Wissenschaft. Dieses wollen die Statistik Austria und die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ab Dienstag im Rahmen einer Vortrags- und Workshopreihe vertiefen. Auch in der Covid-19-Pandemie habe man in vielen Punkten neue Projekte mit Forschern gestartet, so etwa die Prävalenzstudien zur Schätzung der Dunkelziffer. Die Bereitschaft zur verstärkten Zusammenarbeit sei schon vielfach da gewesen, es fehlte aber einerseits an der finanziellen Ausstattung für ein Zentrum für diverse Registerdaten und andererseits an den rechtlichen Möglichkeiten.

AMDC als geschützte Schnittstelle

Diese Situation soll das ab Jahreswechsel im Aufbau befindliche AMDC beseitigen. Zuerst wird die Statistik Austria wissenschaftlichen Einrichtungen ihre Daten in anonymisierter Form über die geschützte neue Plattform zugänglich machen. Weitere Informationen anderer öffentlicher Stellen etwa aus dem Gesundheitsbereich könnten folgen, wenn die zuständigen Ministerien dies per Verordnung ermöglichen.

"Die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft ist mir ein ganz wichtiges Anliegen", so Thomas. Mit dem neuen Zentrum "als zentrale Plattform für den Zugang der Wissenschaft zu Mikrodaten wollen wir das Ganze nochmals auf ein ganz neues Level heben". Die rechtlichen Änderungen, die in der vergangenen Woche den Ministerrat passiert haben, hätten das Potenzial, Österreich in Sachen Forschungszugang von einer "relativ schlechten Rangposition in Europa" in dem Bereich deutlich nach vorne zu bringen.

Österreich arbeitet viel mit Daten aus Deutschland

Für den Wissenschaftsstandort könne das durchaus als "großer Wurf" angesehen werden, sagte Fürnkranz-Prskawetz. Bisher habe man in ihrem Forschungsbereich viel mit Daten aus Deutschland oder Nordeuropa arbeiten müssen, weil der Zugang zu heimischen Informationen nicht gegeben war. Das AMDC sollte sich als "nachhaltige Investition" herausstellen. Wenn man etwa festmachen kann, welche sozioökonomischen Faktoren mit höherer Arbeitslosigkeit oder einer höheren Wahrscheinlichkeit einer Covid-19-Erkrankung und deren Folgen zusammenhängen, könne man sich gesellschaftlichen Problemen im Land über lange Zeiträume hinweg auch besser annähern.

Das ermögliche auch einen wichtigen Schritt in Richtung der oft beschworenen und hierzulande nur in wenigen Gebieten annähernd umgesetzten evidenzbasierten Politik. Die Wissenschaft wolle hier "Input liefern", so die an der Technischen Universität (TU) Wien und der ÖAW tätige Forscherin. Das sei jedoch nur möglich, wenn Wissenschafter mit wichtigen heimischen Daten arbeiten können: "Das gibt es ja in anderen Ländern schon und wir werden jetzt aufholen."

"Teilblindflug durch die Krise"

Hier habe sich durch die Pandemie nicht nur atmosphärisch etwas verändert. Nie war derart klar, dass viele Statistiken und Informationen, die teils auch Grundlage für Maßnahmenentscheidungen waren, laut vielen Experten den gängigen Qualitätsstandards der amtlichen Statistik nicht entsprochen haben, betonte Thomas: "Österreich und viele andere Länder sind im Grunde im Teilblindflug durch die Krise gerauscht." Wenn es der Statistik Austria für das Bildungsministerium erst vor wenigen Wochen ermöglicht wurde zu berechnen, wie viele Pädagogen eigentlich geimpft sind, zeige sich, dass hier viel "Luft nach oben ist. Mit einer besseren Nutzung vorhandener Daten wären die wirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen der Corona-Krise weniger kräftig ausgefallen", so Thomas.

Letztlich bräuchte es etwa für Pandemie-Situationen ein Zentrum, in dem Expertise und auch Daten auf vergleichbarem Qualitätsniveau zusammenlaufen und Forscher aus vielen Fachbereichen zusammenarbeiten. Das AMDC könne eine wesentliche Säule davon sein.

Mehr Daten, aber kaum mehr Erkenntnisse

Insgesamt steigt das Datenvolumen seit längerem exponentiell, "das Wissen und die Erkenntnis daraus aber nicht", betonte Thomas. Daher brauche es das Bekenntnis zu und die Durchsetzung von Datenstandards, zu deren Einhaltung Österreich sich international bereits verpflichtet hat. Gerade in der Kombination aus Wissenschaft und amtlicher Statistik stecke "viel Potenzial", sagte der Wirtschaftswissenschafter: "Das wäre eine starke Grundlage für noch mehr wissenschaftliche Erkenntnis und schlussendlich auch für evidenzbasierte Politikgestaltung." Und hier habe Österreich laut Fürnkranz-Prskawetz "wirklich einen Aufholbedarf".

(APA/red)

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