So schön war das Wiener Neujahrskonzert 2022

Neujahrskonzert 2022: Von Feuervögeln, Fledermäusen und edlen Rössern.
Neujahrskonzert 2022: Von Feuervögeln, Fledermäusen und edlen Rössern. ©APA/WIENER PHILHARMONIKER/DIETER NAGL
Das Wiener Neujahrskonzert 2022, geleitet von Daniel Barenboim, zelebrierte traditionall das neue Jahr im Wiener Musikverein ein.

Es war einmal Champagnerlaune, Walzerglück und Polkaspaß in den rauschenden Wiener Faschingsnächten. Aber die Fledermaus-Quadrille wird in der anstehenden Ballsaison, coronabedingt erneut ein Absagereigen, kaum über das mitternächtliche Tanzparkett tönen. Dafür begrüßte sie das neue Jahr standesgemäß - und mit ein wenig Wehmut - im Wiener Musikverein: Beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, am 1. Jänner 2022 zum dritten Mal geleitet von Daniel Barenboim.

1.000 Live-Zuseher beim Wiener Neujahrskonzert 2022

Hatte man vor einem Jahr vor leerem Saal als reines Fernsehevent gespielt, beginnt heute ein weiteres unsicheres Kulturjahr unter strengen Schutzmaßnahmen und vor einem auf 1.000 Besucher reduziertem Auditorium. Den tiefen Einschnitt, der die Coronapandemie für das Musikleben Wiens bedeutet, will auch das traditionsreichste und meistgesehene Klassikkonzert nicht vergessen machen. Dass das heurige Programm mit gleich zwei Referenzen an den aus der Asche stets neu erstehenden Feuervogel Phönix begonnen hat - eine von Josef, eine von Johann Strauß - darf auch als innere Überzeugung über die Resilienz der Musik verstanden werden.

Grußworte während des Donauwalzers

Es sei sehr wichtig, so Barenboim in seinen die ersten Takte des Donauwalzers unterbrechenden Grußworten, dass die Wiener Philharmoniker dieses Konzert jedes Jahr spielen. "Aber umso wichtiger ist es heute." Die Coronapandemie sei eine "menschliche Katastrophe, die versucht, uns auseinander zu drängen". Am Orchester, das im gemeinsamen Musizieren eins wird im Denken und Fühlen, solle sich jeder ein Beispiel nehmen. "Es ist für mich eine riesige Inspiration, heute hier zu sein. Nehmen wir dieses Beispiel von Menschlichkeit und Einigkeit mit in unseren Alltag."

Daniel Barenboim dirigierte das Neujahrskonzert 2022

Daniel Barenboim hatte zuletzt zahlreiche Konzerte gesundheitsbedingt absagen müssen - das Neujahrskonzert wollte sich der Dirigent und Pianist, der im kommenden Jahr 80 Jahre alt wird, aber keinesfalls versagen. Jahrzehntelang mit dem Orchester verbunden, hat der israelisch-argentinische Weltenbürger bereits 2009 und 2014 am Neujahrspult gestanden und ist mit der Wiener Musik, ihren Freuden, Launen und Fallstricken, bestens vertraut. Bisweilen glaubt man, Spuren des heißblütigen Tango seiner Heimat durchblitzen zu hören, freilich so wohldosiert und geschmackssicher, dass er damit die Sentimentalität an erfreulich straffe Zügel legt und dem Galopp das nötige Feuer verpasst.

Mit dem Feuervogel, mit Sirene und Nymphe waren die Fabelwesen im heurigen Neujahrsprogramm gut vertreten, ein weiterer Schwerpunkt war im ersten Konzertteil der Presse gewidmet - von Hellmesbergers rasendem "Kleiner Anzeiger"-Galopp, über den populären "Morgenblätter"-Walzer Johann Strauß' bis zur Polka "Kleine Chronik" seines Bruders Eduard. Alle drei Werke wurden beim "Concordia"-Ball der gleichnamigen Journalistenvereinigung uraufgeführt, in den Jahren 1864, 1875 und 1876. Mit der "Fledermaus-Quadrille" oder dem "Spährenklänge-Walzer" servierte man auch im zweiten Teil des Konzerts - noch vor dem obligatorischen Zugabereigen aus Donauwalzer und Radetzkymarsch - wohlbekannte Meisterwerke der Wiener Ballmusik in philharmonisch vollendeter Ausführung.

Eine ganze Reihe bisher nie gespielter Werke

Zugleich holte man für Barenboims dritte Ausgabe erneut eine ganze Reihe von bisher nie in diesem Konzert gespielten Werken der Strauß-Dynastie sowie einiger ihrer ausgewählten Zeitgenossen und Konkurrenten aus dem Notenarchiv, darunter Josef Strauß' "Sirene", eine langsame Polka von definitivem Neujahrsformat oder Carl Michael Ziehrers "Nachtschwärmer"-Walzer, der die Damen und Herren des Orchesters zum nachttrunkenen Gesangs- und Pfeifchor werden lässt. Mehr mit Charme als mit Genius punktet auch Josef Hellmesbergers possierliche "Heinzelmännchen"-Ballettmusik.

Nicht zur Ballettmusik, sondern zum "Tausend und eine Nacht"-Walzer von Johann Strauß zeigte der Wiener Ballettchef Martin Schläpfer, dass auch er mehr als schmeichlerische Walzerseligkeit zu Neujahr beizusteuern hat. Die Balletteinlage zeugte in Schloss und Schlossgarten von Schönbrunn vom behänden Umgang des Chefchoreografen mit den Traditionen und Erneuerungen seines Fachs. Gekleidet in Roben von Arthur Arbesser bespielten die Tänzerinnen und Tänzer das historische Ensemble nicht nur mit Eleganz, sondern auch mit Unmittelbarkeit und zeitgenössischer Körpersprache. Edle Roben, aber auch edle Rösser bewohnten die filmischen Einlagen, mit denen der ORF sein in 92 Länder ausgestrahltes Konzertereignis aufwendig ausgestattet hat: Zur "Nymphen"-Polka durften die Lipizzaner der Wiener Hofreitschule ihr tänzerisches Geschick unter Beweis stellen.

(APA/Red)

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