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Sicherheitsmängel an Atomkraftwerken

Nach dem Bekanntwerden von Sicherheitsmängeln an Frankreichs Atomkraftwerken haben französische Umweltschützer am Donnerstag vor einem zweiten Tschernobyl gewarnt.

Die Pariser Atomaufsichtsbehörde ASN hatte zuvor Konstruktionsfehler im Notkühlsystem der Druckwasserreaktoren bekannt gegeben und dieses auf der siebenstufigen Störfall-Skala mit Niveau 2 eingestuft.

Bei der Kölner Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) hieß es, es handle sich um ein „latentes Problem”, das in der Fachwelt bekannt sei. Experten suchten noch nach der wirtschaftlichsten Lösung, sagte GRS-Sprecher Heinz-Peter Butz.

Der Pariser Atomaufsicht zufolge können „in bestimmten Störfallsituationen” wie beim Bruch aller Leitungen im Primärkreislauf die Filteranlagen verstopft werden. Dies könnte dazu führen, dass nicht sofort ausreichend Wasser ins Kühlsystem gepumpt werden kann, was jedoch notwendig ist, um ein Überhitzen des Reaktorkerns zu verhindern. Solche Situationen seien „sehr unwahrscheinlich”, erklärte die Atomaufsicht.

Nach Angaben der Pariser Experten betrifft das Problem grundsätzlich alle Druckwasserreaktoren weltweit. GRS-Sprecher Butz sagte, das Problem sei „bekannt und erkannt”. Auch in Deutschland, wo Druckwasserreaktoren den Großteil des nationalen AKW-Parks darstellen, werde über Lösungen nachgedacht. Es handle sich aber um „kein großes technisches Problem”. Unter Experten laufe „die Diskussion unter anderem um die Größe der Siebe”. Das französische Netzwerk zum Atomausstieg („Sortir du Nucleaire”) drängt, nun müssten „unverzüglich Maßnahmen zur Sicherheit der Bevölkerung” getroffen und die AKW in Frankreich abgeschaltet werden.

Nach Angaben der ASN soll der staatliche französische Stromkonzern EdF bis Ende April Lösungsvorschläge unterbreiten. Änderungen sollten dann ab kommendem Jahr umgesetzt werden. Diese Übergangsfrist kritisierten die französischen Atomkraftgegner als „unverantwortlich”. Schon ein leichtes Erdbeben könne die Leitungen des Primärkreislaufs brechen lassen, mahnte „Sortir du Nucleaire”. Falle dann auch noch das Notkühlsystem aus, sei eine Kernschmelze und damit ein „französisches Tschernobyl” nicht auszuschließen.

Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) in Freiburg wies darauf hin, dass das elsässische Kernkraftwerk Fessenheim besonders betroffen sei. Der vor über 30 Jahren in Betrieb genommene Meiler am Oberrhein ist Frankreichs ältester Druckwasserreaktor. EdF habe bestätigt, dass die ältesten Reaktoren „besonders gefährdet” seien, weil sie über schwächere Filteranlagen verfügten, betonte ein Sprecher des BUND. In Frankreich erzeugen derzeit 58 Atomreaktoren 78 Prozent des Stroms. Dieser Anteil ist höher als in allen anderen Industrieländern.

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