Shame

Brandon hat eigentlich alles, was der hippe New Yorker braucht: Der in den Dreißigern stehende Yuppie sieht gut aus, hat einen gesellschaftlich angesehenen Job und genießt die Freiheiten eines Singlelebens in der Millionenmetropole New York. Doch der Film "Shame" zeigt, wie sehr es hinter der perfekten Fassade brodelt. Alle Spielzeiten auf einen Blick

Brandon ist ein Getriebener, er ist sexsüchtig. Es ist nach “Hunger” bereits die zweite Zusammenarbeit des zurzeit allseits präsenten Schauspielers Michael Fassbender (“A Dangerous Method”) und dem britischen Regisseur Steve McQueen. “Shame” startet am Freitag, 9. März, in den österreichischen Kinos.

Brandon hat seinen Alltag scheinbar gut im Griff: in der Früh geht er in seinen Bürojob, am Abend zu After-Work-Drinks mit Kollegen in eine Bar, danach in sein kleines, aber nettes Appartement mitten in New York. Vor dieser Alltagsroutine flieht er in ein exzessives Sexleben, er will schnellen Sex egal wo und mit wem. Kurzweilige Affären, One-Night-Stands oder Call Girls – all das lenkt Brandon von seinen echten Gefühlen ab. Dieser gut organisierte Suchtalltag wird jedoch jäh unterbrochen, als sich seine jüngere und psychisch labile Schwester (gespielt von Jungstar Carey Mulligan) bei ihm in der Wohnung einquartiert. Sie will ihrem Bruder näher kommen, doch Nähe ist genau das, wovor Brandon große Angst hat.

“Wir sind keine schlechten Menschen, wir kommen nur aus einer schlechten Umgebung”, spricht sie ihm einmal auf den Anrufbeantworter. Woher Brandon stammt, darüber lässt Regisseur Steve McQueen den Zuseher im Dunkeln. Brandon scheint sich jedoch mit der Vergangenheit, seinen irischen Wurzeln, nicht beschäftigen zu wollen. Michael Fassbender verleiht seiner Figur eine große Tiefe, er lässt erkennen, dass sich hinter dem Womanizer ein emotionales Wrack versteckt und eine unendliche Traurigkeit und Leere ist. Fährt Brandon U-Bahn, so sieht er in jedem Rock eine Aufforderung zur Jagd, bei Fenstern bleibt er stehen, um Menschen beim Sex zu beobachten, mitten in einer Bar sagt er einer Frau, die mit ihrem Freund da ist, er will sie befriedigen – sofort. Steve McQueen hat im Zuge seiner Recherchen zahlreiche Interviews mit Sexsüchtigen geführt und auch die Stadt New York bewusst als Schauplatz gewählt.

“Wir alle sind Zeugen der fortgesetzten Sexualisierung der Gesellschaft und werden mehr und mehr unempfindlich, abgestumpft. Wir stellen uns die Frage: Wie navigiert man durch dieses Labyrinth, ohne dass unsere Umwelt auf uns abfärbt? Dieses verschämt totgeschwiegene Thema ist es, dem ich auf den Zahn fühlen will”, sagt der Regisseur im Presseheft. So ist ein Film entstanden, der mit greifbarer Intensität und schonungsloser Offenheit von den verborgenen Bedürfnissen der Protagonisten erzählt. Brandon hat Sehnsucht nach Nähe und die gleichzeitige Furcht davor zerreißt ihn in einer modernen, alle Freiheiten versprechenden Welt. In einer Stadt wie New York, die nie schläft, 24 Stunden Zugang zu allen Verlockungen verspricht, schafft Brandon sich sein eigenes, inneres Gefängnis.

“Shame” war die Sensation bei den 68. Internationalen Filmfestspielen von Venedig und wurde mit dem FIPRESCI-Kritikerpreis ausgezeichnet. Michael Fassbender erhielt dort die Coppa Volpi als “Bester Schauspieler”, bei den diesjährigen Oscars wurde “Shame” allerdings schon bei den Nominierungen ignoriert.

(APA)
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