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"Sewol"-Untergang jährt sich zum zweiten Mal

Schüler gedenken den Opfern des Sewol-Untergangs vor zwei Jahren
Schüler gedenken den Opfern des Sewol-Untergangs vor zwei Jahren ©AP
Auf dem Gwanghwamun-Platz im Zentrum von Seoul schießen bei Frühlingswetter viele kleine Fontänen aus den im Boden verankerten Springbrunnendüsen. Nur ein paar Meter davon entfernt steht seit mehr als eineinhalb Jahren ein Protestcamp. Die Farbe gelb sticht auf Plakaten und selbst an einem Altar zum Gedenken an die 304 Opfer des "Sewol"-Fährunglücks vom 16. April 2014 vor Südkorea hervor.


Gelb ist seit Beginn der Proteste die Symbolfarbe für die Unterstützung der betroffenen Familien. Angehörige von Opfern und zahlreiche freiwillige Unterstützer treffen sich noch immer täglich im Camp, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Zum zweiten Jahrestag des Schiffsuntergangs morgen, Samstag, ist neben anderen Veranstaltungen auch ein Gedenkkonzert auf dem Platz geplant. Die Familien fordern von der Regierung die “Wahrheit”. Doch was ist für sie die Wahrheit? 

“Die Wahrheit hat mit der Frage zu tun, warum das Schiff sinken musste”, sagt Yoo Gyoung Geum, Vater eines der jugendlichen Opfer. Yoo ist Mitglied des Exekutivkomitees “4/16 Familien für Wahrheit und eine sichere Gesellschaft”. “Wir wissen nicht, warum es keinen Evakuierungsbefehl gab oder keine angemessenen Rettungsmaßnahmen.” Die Regierung und die Küstenwache machten nur die Crew für das Unglück verantwortlich, sagt Yoo.

Die Liste von Forderungen und Vorwürfen der Familien ist lang. Selbst der Verdacht besteht, der Geheimdienst könnte in das Unglück verwickelt gewesen sein. Nach einem im Jahr 2014 veröffentlichten Bericht des Rechnungshofes trugen neben dem Versagen der Besatzung auch Korruption, Inkompetenz der Behörden sowie Geldgier der Reederei zur Katastrophe bei. Unter anderem war die Fähre überladen. Von den 476 Menschen an Bord überlebten nur 172, darunter die leitenden Crewmitglieder, die sich mit als Erste retten konnten. Die meisten Passagiere waren Schüler, die zu einem Ausflug unterwegs waren. Neun Menschen gelten als vermisst. 

Im November 2015 hatte ein Gericht in letzter Instanz Kapitän Lee Jun Seok wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Ihm wurde vorgeworfen, die Passagiere ihrem Schicksal überlassen zu haben. Das Gericht bestätigte auch die Verurteilung von 14 weiteren Crewmitgliedern zu teils mehrjährigen Haftstrafen. 

Einige von ihnen erschienen zuletzt wieder in der Öffentlichkeit zu Anhörungen einer Sonderkommission zur Untersuchung des Unglücks. Doch weil Ende März zur zweiten Sitzung zwei Schlüsselzeugen – der dritte Bootsmann und der Chefingenieur – aus “gesundheitlichen Gründen” ihre Teilnahme abgesagt hätten, “geriet die Anhörung in Schwierigkeiten”, wie die Zeitung “Hankyoreh” schrieb. Zudem habe es widersprüchliche Aussagen der Zeugen gegeben. Die Familien werfen der Regierung und der regierenden Partei Saenuri zudem vor, sich in die Untersuchungen einzumischen.

Hoffnung besteht allerdings für die Eltern der Vermissten, dass sich ihr Wunsch nach einer Bergung des Wracks doch noch erfüllt. Diese Woche teilte das Ministerium für maritime Angelegenheiten mit, ein Plan sehe vor, die eigentliche Bergung des 146 Meter langen Schiffes im nächsten Monat zu beginnen und vor Ende Juli abzuschließen.

Zum zweiten Jahrestag gebe es nach wie vor viele Unterstützer, doch sei in der Bevölkerung mittlerweile auch eine Art “Sewol”-Müdigkeit zu spüren, sagen freiwillige Helfer in dem Protestcamp in Seoul. Doch die Mutter Hong Young Mi, die ihren 17-jährigen Sohn durch das Unglück verloren hat, erinnert daran, dass die Frustration der Familien mit der Zeit eher zunehme. “Wegen des mangelnden Fortschritts bei der Suche nach der Wahrheit verschlimmert sich eher das Trauma vieler Familien.” 

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