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Schmerzhaftes Erwachen: Gothic 3

Mit Blind Dates ist es so eine Sache: Von dem was man so zuvor von seinem Rendezvous gehört hat, kann man es kaum erwarten. Die unbekannte Schöne lockt mit einer Nacht, wie man sie so schnell nicht vergessen wird.

Doch der Morgen danach ist nicht selten eine böse Überraschung, benebelt von der Euphorie war man blind und taub gleichermaßen und im Rausch der Gefühle… Blankes Entsetzen beim Aufwachen: So geht es derzeit vielen Fans, die Gothic 3 so sehnsüchtig herbeigesehnt haben. Die vermeintliche Schönheit gibt sich am Morgen danach als störrische launische Zicke.

Dabei hatte das Herzeigerollenspiel von Piranha Bytes aus deutschen Landen so viel Potential, darin sind sich selbst die gröbsten Kritiker einig. Ob aber nun das Game vorschnell zum Weihnachtsgeschäft 2006 zur Aufbesserung der Bücher auf den Markt geworfen werden sollte, oder ob andere Gründe zu diesem Desaster geführt haben, fest steht: Gothic 3 ist unfertig. Und es enttäuscht Fans und nervt Gametester.

Qualität aus Österreich?

Interessant an der Tatsache: Als Publisher zeichnet das österreichische Unternehmen Jowood verantwortlich, das zuletzt wegen schlecht laufender Geschäfte in die Schlagzeilen geraten war. Nun fragen sich viele, ob die Probleme bei Jowood nicht hausgemacht sind. Zugebenermaßen: Gothic 3 war für deutsche und österreichische Verhältnisse ein Mammutprojekt, und die Fans sind von den zwei ersten Teilen in Bezug auf Bugs – also Fehler im Programm – bereits geeicht, doch was mit dem dritten Teil der Serie nun abgeliefert wird, versauert selbst dem Hardcore Gamer das Zocken.

Verschenktes Potential Das an sich schöne Gothic 3, das Potential erahnen lässt, krankt in seinem ganz eigenen, düsteren Flair, an allen Ecken und Enden. Mangelnde Wegfindung, Clippingfehler en masse, eine zuweilen katastrophale KI, ein unausgegorenes Balancing (selbst Super-Helden, die sich durch Horden von Orks schnetzeln, werden eins zwei von Wildschweinen in Sekunden niedergestreckt), wechselnde Grafikqualität und zahlreiche Abstürze quälen den gewillten Zocker. Dabei läuft Gothic 3 nur auf superteuren High End Rechnern in einer als hervorragend zu bezeichnenden Grafik flüssig. Will es der Durchschnittsgamer flüssig spielen, muss er die Details so weit herunterdrehen, dass Gothic 3 kaum besser aussieht als sein Vorgänger. Nach entsprechenden Feststellungen von Game-Magazinen, die das Game als verbuggt qualifizierten, versprachen die Entwickler drei Wochen vor dem geplanten Release, die Fehler zu korrigieren und zum Launch von Gothic 3 einen Patch herauszubringen, der die schlimmsten Fehler beheben soll. Nun war Release, der Patch hat auch nur eine geringe Zahl von Designfehlern behoben, die Foren quellen über von Posts verärgerter Käufer, die den Unkenrufen zum Trotz das Game gekauft haben.

Entdecke die Möglichkeiten

Dabei ist es schade um den Titel: Ein raubeiniger namenloser Held, der sich in der düsteren Umgebung von Myrtana behaupten muss, der „seinen“ Weg innerhalb dieser Welt gehen kann, sich unterschiedlichen Gruppierungen anschließen, der Gut oder Böse sein kann. Eine offene Spielerfahrung, zum stundenlangen Eintauchen in eine Paralleldimension. Das alles in einer auf der höchsten Detailstufe umwerfenden, ja filmreifen Grafik mit dem schmutzig-lebensfeindlichen Touch, den die Fans der Serie so lieben. Ein offener Ausgang der Hauptgeschichte, zahlreiche Nebenaufgaben, ein Held, so geformt, wie man es selber will, vom zähen Nahkämpfer bis hin zum fragilen Magier. Die Game-Musik hat sich einen Oskar verdient: Eingespielt von einem Symphonie-Orchester zaubert sie eine eigene Atmosphäre, die Dialoge sind super vertont. Deutsch/Österreichische Qualitätsarbeit könnte man sagen.

Pimp my Super-Hero

Seinen Helden hochzuzüchten erfordert eine lange Zeit und kostet viele Goldstücke, denn Fertigkeiten bringen einem die Lehrer nur gegen Bares bei. Das liebevolle Hochpäppeln des virtuellen Alter Egos rockt, auch in Gothic 3. Nach einem fulminanten Einstieg, bei dem man in eine Schlacht geworfen wird, die zwischen den Unterdrückern Orks und den geknechteten Mensch tobt, beginnt die Geschichte zu stocken. Man sieht sich als aufstrebender Held inmitten einer doch auch ohne eigenes Zutun recht gut funktionierenden Welt. Neueinsteiger werden zudem ohne große Erklärungen in eine für sie lange Zeit unbekannte Welt geworfen. Was nervt, ist das Verhalten der Kreaturen in dieser Welt: Von den meistgehassten Wildschweinen, die selbst einen Superhelden in Sekunden niedermetzeln bis hin zu einer Gruppe von an sich mächtigen Gegnern, die man locker auch als aufstrebender Jungspund mit dem Bogen niederstrecken kann, der doofen Wegfindung sei dank, Gothic 3 schafft es diesbezüglich, aller grafischen Atmosphäre zum Trotz, diese Welt glaubhaft zu inszenieren. Wenn solche Szenen nicht so traurig wären, sie wären oft aufgrund der Situationskomik zum Brüllen.

Künstliche Dummheit

Dazu mischen sich Logikfehler im Verhalten der NPC´s die Myrtana bevölkern – von Hirschen, die glaubhaft tagsüber flüchten, wenn sie den Held sehen, bis zu Wölfen, die sich, nachts aus dem Schlaf gerissen laut jaulend dem Kampf stellen, ohne dass sich ihre daneben pennenden Gefährten überhaupt rühren, spannt sich der Bogen der Künstlichen Intelligenz. Die Steuerung wurde wie versprochen entschlackt, nun reicht die Maus zur Bedienung, was aber leider oft in einer Klickorgie endet. Zudem: Es genügt einfach ein Tastengehämmere, die auch zu vollführenden Kombos, die man mit etwas Übung rasch erlernt, sind schlichtweg nicht notwendig, um einen Kampf für sich zu entscheiden. Das Dialogverhalten der NPC´s ist zwar ab und zu etwas seltsam in der Darstellung, doch stimmig, wenn auch nicht so weit verschachtelt in den Möglichkeiten, wie in anderen Rollenspielen.

Fazit: Wenn Gothic 3 auch dieselbe derbe Atmosphäre wie seine Vorgänger verströmt, sich eingefleischte Fans wohl aller Designschwächen zum Trotz extra für das Game wohl einen neuen Rechner kaufen – ich muss sagen: Es gibt zu viele tolle, technisch ausgereifte Games am Markt, als dass ich mich mit Gothic 3 herumärgern will. Aus meiner Sicht wie gesagt schade, denn Potential hat der dritte Teil der Serie. Ich wäre auch stolz gewesen auf ein fulminantes Rollenspiel aus österreichischen Landen, aber ich kann mir nur vorstellen, dass nach der langen Entwicklungszeit Geld her musste. Für mich ist Gothic 3 der Prototyp eines unfertigen Titels, bei dem sehr viel Potential verschenkt wurde. Mag sein, dass es nach dem vierten oder fünften Patch einigermaßen spielbar sein wird. Dann bleiben aber nach wie vor die hohen Hardware-Anforderungen, mit denen die meisten Zocker ihre Mühe haben werden. Insgesamt: Ein großes Schade für Gothic 3. Ob der Schnellschuß aus der Hüfte aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht ein Querschläger wird, sollte sich in nächster Zeit noch an den Verkaufszahlen weisen. In der derzeitigen Fassung kann ich Gothic 3 nur eingefleischten Fans mit einer Riesenportion Geduld ans Herz legen.

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