Schilderung einer Sahara-Geisel

Wie es den 17 Geiseln während der 51 Tage dauernden Geiselhaft erging, schilderte die befreite Sabine Wintersteller sehr ausführlich in den „Salzburger Nachrichten“.

An den letzten Tagen hätte es gar nichts mehr zu essen gegeben. Die Frauen mussten stets verschleiert sein und lange Röcke tragen. „Immer wenn wir den Schleier nicht gehabt haben, oder wenn er verrutscht ist, haben sie uns mit dem Gewehr gedroht“, so Wintersteller.

Zwei oder drei Mal am Tag wurde den 17 Geiseln – acht Salzburger, zwei Tiroler, sechs Deutsche und ein Schwede – Grießbrei vorgesetzt, dazu gab es Datteln und Wasser aus Tümpeln, das sie mit Toilettenpapier filterten. Das Fladenbrot empfanden die meisten der Geiseln als Delikatesse: Man hat etwas zu beißen. Die Paare, die vor der Entführung die Autos geteilt hatten, teilten sich einen Löffel und wechselten einander beim Essen ab, das ihnen in Eimern gebracht wurde. „Sie sind wie die Tiere zum Futtertrog gekrochen“, sagte dazu ein Angehöriger einer Geisel.

Die Geiselnehmer, die ständig bewaffnet waren, zeigten aber auch menschliche Züge. Für einige haben die Geiseln laut diesem Bericht sogar Sympathie entwickeln können. Während der Mahlzeiten hockten sich die Entführer zu den Geiseln hin und warteten ab, bis alles gegessen und getrunken war. Dabei kam es auch zu Unterhaltungen. Auch mit Kleidung sind die Geiseln versorgt worden. Immer wieder sei ein Haufen gebracht und hingeworfen worden. Wintersteller: „Und als eine Frau gesagt hat, sie hat keine Zahnbürste mit und möchte eine haben, da haben sie ihr eine gebracht.“

Die Tage und Nächte verbrachten die 17 Europäer ausschließlich im Freien oder in Felsschluchten. Immer wenn ein Militärhubschrauber über die Lager flog, mussten sie sich unter Felsvorsprüngen verstecken. Durch die Schlafmatte habe sie die Steine gespürt, so Wintersteller. „Nach und nach habe ich am ganzen Körper blaue Flecken gekriegt.“

Selbst nannte sich die Gruppe „Wandergruppe“. Denn fast jede Nacht wurden die Gefangenen aufgeweckt. Bis zu drei, vier Stunden mussten sie dann durch die Wüste marschieren. Mit „vite, vite, dschallah, dschallah“ trieben die Geiselnehmer die Entführten an. Grund für die kilometerlangen Märsche sei die Angst der Entführer gewesen, vom Militär entdeckt zu werden. Zuletzt wurde auch tagsüber durch die Wüste marschiert. „Unsere Schuhe waren am Ende zerfetzt, und wir waren am Ende unserer physischen Kräfte“, so der 63-jährige Gerhard Wintersteller, Vater von Sabine, der ebenfalls eine Geisel war, zu den „SN“.

Die Geiselnehmer haben nach diesem Bericht jeden Tag gebetet und den Geiseln erklärt, dass sie in Algerien einen islamischen Gottesstaat errichten wollen.

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