"Russendenkmal" in Österreich

(K)ein Vergleich - aufgrund unterschiedlicher historischer Rahmenbedingungen verlegten Radkersburger Sowjetdenkmal 1958 mitMoskauer Einverständnis.

Wladimir Putin wird am Donnerstag zum Abschluss seines Österreich-Besuchs zum zweiten Mal während seiner Amtszeit als russischer Präsident vor dem sowjetischen Ehrenmal auf dem Schwarzenbergplatz einen Kranz niederlegen. Ein anderes Denkmal der Roten Armee im estnischen Tallinn hat in den vergangenen Wochen für gehörigen Ärger gesorgt. Zwischen den beiden Denkmälern gibt es einige Parallelen und gleichzeitig eine Reihe wichtiger Unterschiede.

Vor rund vier Wochen ließ die estnische Regierung den 1947 errichteten „Bronze-Soldaten“ in einer Hau-Ruck-Aktion aus der Tallinner Innenstadt auf einen Soldatenfriedhof verlegen. Wütende Proteste und Ausschreitungen von russischsprachigen Jugendlichen mit einem Toten und über 100 Verletzten waren die Folge. Obwohl die Statue mittlerweile friedlich und mit Blumen geschmückt an ihrem neuen Platz steht, hält der Propagandakrieg zwischen Estland und Russland an. Die Angelegenheit belastet auch die ohnehin gebeutelten Beziehungen zwischen der EU und Russland.

Auch um das Denkmal am Schwarzenbergplatz war es nicht immer friedlich: 1947 planten Mitglieder einer nationalsozialistischen Jugendgruppe einen – möglicherweise von der damals kommunistisch geführten Staatspolizei aufgebauschten – Sprengstoffanschlag. 1962 wurde ein Bombenattentat einer italienischen Neofaschistengruppe gerade noch verhindert und 1986 unternahm bezeichnenderweise ein Balte, der in Schweden lebende (und dort 2006 verstorbene) lettische Bühnenbildner Gunars Pavuls, einen Brandanschlag auf das Denkmal, um auf die sowjetische Unterdrückung im Baltikum aufmerksam zu machen.

Während das Ehrenmal am Schwarzenbergplatz immer noch an seinem Ort steht, schafften es übrigens die Bad Radkersburger im Jahr 1958, das zweitgrößte Rote-Armee-Denkmal in Österreich mit Einverständnis der Russen vom Hauptplatz an einen unauffälligeren Ort an den Rand der südoststeirischen Grenzstadt zu verlegen und gleichzeitig erheblich zu verkleinern. Argument: Man brauche die Granitwürfel des riesigen Sockels für die Sanierung des Ortes. Die drei nach einem Entwurf des steirischen Bildhauers Wilhelm Gösser aus Beton gegossenen Sowjetsoldaten stehen nun unter einem Baum am Radkersburger Grazertorplatz und wurden vor zwei Jahren renoviert.

Der Tallinner „Bronze-Soldat“, nahm sich mit seinen zwei Metern Größe, in Trauerpose mit abgenommenem Helm, im Vergleich zu der monumentalen Anlage in Wien samt Kolonnaden und dem in 20 Meter Höhe stehenden Soldaten in Siegespose, schon immer eher bescheiden aus. Er wurde von den sowjetischen Machthabern – keineswegs alles Russen, wie in Estland heute gerne vermittelt wird – als dezidiert estnischer Held konzipiert.

Als Vorlage diente dem Bildhauer Enn Roos der Athlet Kristjan Palusalu (1908-1987), ein blonder Hüne, der bei den Olympischen Spielen 1936 in München für das damals rechtsautoritäre Estland zwei Goldmedaillen errungen hatte. Sein Status als „Held“ der Roten Armee ist übrigens mehr als fraglich: Erinnerungen eines finnischen Journalisten zufolge desertierte Palusalu im Zweiten Weltkrieg zu den Finnen und bezahlte später mit langjähriger Haft in der Sowjetunion.

Nach der Unabhängigkeit Estlands 1991 blieb der „Bronze-Soldat“ an seinem Platz und weitgehend unbeachtet, lediglich Veteranenverbände legten an bestimmten Feiertagen Kränze und Blumen nieder. Erst in den vergangenen zwei Jahren entdeckten die Kontrahenten beiderseits des politischen und ethnischen Spektrums das Denkmal für ihre Zwecke: Es wurde einerseits zum Symbol der Unterdrückung Estlands und andererseits Sinnbild der sozialen Marginalisierung der russischen Minderheitsbevölkerung.

Während der Einmarsch der Roten Armee 1945 in Österreich das Ende der Nazi-Herrschaft und eine vorübergehende sowjetische Besatzung bis zum Staatsvertrag 1955 bedeutete, wurde das kleine Estland 1944 für 47 Jahre zwangsweise die Sowjetunion eingegliedert. Massendeportationen in der Stalin-Zeit und eine schleichende Russifizierung waren die Folge. 1991 waren über ein Drittel der Einwohner Estlands ethnische Russen, heute sind es immerhin noch rund 25 Prozent.

Die verspätete und ohne interethnischen Diskurs durchgeführte Verlegung des Denkmals ist vermutlich als innenpolitische Machtdemonstration von Ministerpräsident Andrus Ansip zu verstehen. Selbst der Spitzenkandidat des estnisch-nationalistischen Rechtsbündnisses IRL, Ex-Ministerpräsident Mart Laar, sagte kurz vor den Wahlen im März, es sei keine gute Idee, das Denkmal zum jetzigen Zeitpunkt zu verlegen.

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