"Riot, don't diet": Eine Kampfansage gegen Körpernormen

Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner hat ein "Manifest" geschrieben, das uns alle angeht: "Riot, don't diet"
Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner hat ein "Manifest" geschrieben, das uns alle angeht: "Riot, don't diet" ©VIENNA.at
Schönheit liegt im Auge des Betrachters - und wird nicht zuletzt massiv von gesellschaftlichen Normen definiert. Kulturwissenschafterin Elisabeth Lechner hat sich dieses Themas in ihrem aktuellen Buch kritisch angenommen und zeigt Auswege aus dieser Misere.

"Riot, don't diet! Aufstand der widerspenstigen Körper" heißt das Buch von Elisabeth Lechner, die zu "ekligen weiblichen Körpern" und Body Positivity an der Uni Wien promoviert hat. Sie weiß: "Schönheit ist nicht nur ein Geschäft, sie ist vor allem eins: politisch."

Diskriminierung vs. Inklusion: Themen in "Riot, don't diet!"

Lechner stellt in ihrem Werk bestehende Machtstrukturen in Frage, die systematisch all jene Menschen ausgrenzen, die in irgendeiner Form nicht der "Norm" entsprechen, ob wegen Körpergewicht, Geschlecht, Alter, sexueller Orientierung, Körperbehaarung oder Hautfarbe. Ihr Buch wendet sich an all jene, die schon einmal aufgrund ihres Aussehens beschämt, herabgesetzt, beleidigt, diskriminiert und verletzt wurden.

Systemgrant statt Selbsthass: Gute Gründe für Zorn

Die Kulturwissenschafterin handelt in "Riot, don't diet" ab, warum es allen Grund gibt, über die bestehenden Verhältnisse zornig zu sein, und warum wir ein inklusives Miteinander anstreben anstatt den Fokus auf unsere Unterschiede legen sollten. Anstatt der Wahrnehmung als eine optische Hülle, die immer weiter optimiert werden muss, ist es ihr ein Anliegen, den Körper als Medium zu verstehen, das es ermöglicht, die Welt mit allen Sinnen zu erfahren. "Systemgrant statt Selbsthass!" lautet die Devise, mit Lookismus und Body Shaming will Lechner endlich Schluss machen und eine Gesellschaft ohne Schönheitsdruck erreichen.

Vom Druck der Schönheitsnormen - und was sie mit Frauen machen

Denn Druck lastet vordergründig auf Frauen schwer - die neben einem "Gender-Pay-Gap" auch unter dem Phänomen "Grooming Gap" leiden. Dieses frustrierende Phänomen besagt, dass Frauen, die gängigen Schönheitsnormen entsprechen, eher begehrte Jobs bekommen und mehr verdienen als ihre weniger "normgerechten" Geschlechtsgenossinnen - gleichzeitig aber das mehr verdiente Geld in die von ihnen erwartete Schönheitsarbeit stecken müssen, also in Make-up, Enthaarung, Maniküre, etc.

"Schönheit ist Arbeit", so Lechner, die zudem auf die "Pink Tax" verweist, jene "pinke Steuer", die Frauen für die Dienstleistungen und Produkte ausgeben müssen, die sie schöner machen sollen und die oft mehr kosten als deren Pendants (so vorhanden) für Männer.

Die Tücken der Schönheitsarbeit - und wer davon profitiert

Gegen Schönheitspflege als Selbstfürsorge ist ja laut Lechner nichts einzuwenden, diese kann durchaus Spaß machen und Identität stiften. Schwierig wird es dort, wo die Leistung der Schönheitsarbeit zur Grundbedingung wird, bei deren Verweigerung man mit negativen Konsequenzen zu rechnen hat. Man sollte sich auch die Frage stellen, wer davon profitiert, uns ständig zu suggerieren, dass mit unseren Körpern etwas nicht stimmt. Denn mit unseren Unsicherheiten und dem ständigen verzweifelten Streben nach Selbstoptimierung werden massive Profite generiert. "Das Unerreichbare ist das, was den Kapitalismus antreibt," wird im Buch Plus-Size-Model und Fotografin Velvet D'Amour zitiert.

"Gerade für Frauen ist es sehr wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, dass es keine richtige Art gibt, im Patriarchat Frau zu sein. Irgendetwas wird immer falsch sein. Mal ist der Bauch zu dick, dann sind wieder die Haare ein Problem, und wenn es am Aussehen wirklich nichts mehr auszusetzen gibt, ist wahrscheinlich die Stimme zu grell," führt Lechner aus.

Wege aus der Diskriminierung - hin zur Schönheitsrevolution

Dick, schwarz, haarig, queer, behindert und alt: Diese Anlässe für tagtägliche Diskriminierung und die Wege aus dieser Misere untersucht die Autorin Kapitel für Kapitel in ihrem Buch - und zeigt als Conclusio auf, wie man in fünf Schritten zu einer "Schönheitsrevolution" gelangt. Das zu lesen, gibt Kraft, macht Mut, motiviert zum Umdenken.

"Riot, don't diet" ist ein absolut lesenswerter, fundiert recherchierter kämpferischer Leitfaden, der den Finger in eine Wunde legt, die uns weder als Individuum, noch als Gesellschaft egal sein darf. Lechner liefert jede Menge Denkanstöße, erklärt Zusammenhänge, schafft Bewusstsein und führt den Leser und die Leserin so behutsam wie konsequent zu einer Wahrnehmung von großer Klarheit darüber, was in unserem täglichen Leben eigentlich furchtbar schief läuft, womit wir konfrontiert sind, worunter wir leiden und dass Selbsthass oder das ständige Ringen gegen Kilos, Falten und Co. nicht unser Schicksal sein muss. Sie hilft verstehen, dass es nicht nur möglich, sondern alternativlos ist, sich all das nicht mehr gefallen zu lassen, sondern sich zusammenzutun und sich zu wehren - für einen wahren Aufstand gegen Patriarchat und Schönheitsindustrie. Und wer jetzt immer noch glaubt, dass ihn das alles nichts angeht, sollte dieses Buch nur umso dringender lesen.

Elisabeth Lechner: Riot, don't diet! Aufstand der widerspenstigen Körper. Kremayr & Scheriau, Wien 2021. 240 Seiten, Hardcover kaschiert. 22 Euro. ISBN: 978-3-218-01254-6

(dhe)

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