Revolutionäre mochten Wien gerne

Wenn Russlands Präsident Wladimir Putin Wien besucht, dann betritt er einen für die Geschichte seines Landes bedeutsamen Boden.

Eine Reihe führender Revolutionäre bereiteten nämlich auch von hier aus den Umsturz im Zarenreich vor. „Ja, wer soll denn in Russland Revolution machen? Vielleicht gar der Herr Bronstein aus dem Cafe Central?“ Das soll einer Anekdote zufolge der österreichische Politiker Heinrich Graf Clam-Martinic auf die Nachricht vom Ausbruch der Oktoberrevolution 1917 ungläubig ausgerufen haben.

Neben Leo Bronstein, der unter seinem Kampfnamen Trotzki in die Geschichte einging, hielten sich auch Wladimir Uljanow (Lenin) und Josef Dschugaschwili (Stalin) vor der Machtergreifung der Bolschewiki vorübergehend in Wien auf.

Besonders dem Stammgast im Cafe Central hatte es die Hauptstadt der österreichisch-ungarischen Monarchie angetan. Trotzkis erster Aufenthalt in Wien datierte aus dem Sommer 1902, als er, 22-jährig, auf der Flucht aus der sibirischen Verbannung auf dem Weg nach Zürich hier einen Zwischenstopp einlegte. Diese Fluchtroute wurde von nicht wenigen russischen Revolutionären gewählt, die vom Zarenregime politisch verfolgt wurden.

Legendär ist ein Gespräch mit dem Chefredakteur des Zentralorgans der österreichischen Sozialdemokratie, Friedrich Austerlitz. Trotzki wollte Parteiführer Victor Adler um Geld für die Weiterfahrt nach Zürich bitten – allerdings an einem Sonntag. Austerlitz verwehrte dem jungen Trotzki den Zugang zu seinem Chef mit den Worten: „Selbst wenn Sie die Nachricht bringen würden, Ihr Zar sei ermordet und bei Ihnen dort habe die Revolution begonnen – Sie können nicht die Sonntagsruhe des Doktors stören.“

Später sollte sich Trotzki noch öfters in Wien aufhalten, wo er mit seiner Familie in bescheidenen Verhältnissen an verschiedenen Adressen, darunter in der Sieveringer Straße 19, wohnte. Dokumentiert ist ebenso, dass Trotzki am 11. März 1909 von der Redaktion der „Arbeiter-Zeitung“ 200 Kronen auslieh, um den Fortbestand der bolschewistischen Parteizeitung „Prawda“ zu sichern.

Die sozialdemokratische Parteiführung griff auch Trotzkis Mitstreiter Lenin unter die Arme. So intervenierte Adler 1914 im Innenministerium in Wien mit der Bitte, Lenin aus österreichischer Haft zu entlassen. Er war in Neumarkt (heute Nowy Targ) in Galizien unter Spionageverdacht für Russland verhaftet worden. Am 30. August 1914 traf Lenin dann in Wien ein und bedankte sich bei Adler persönlich.

Der dritte wichtige Revolutionsführer, der in Wien logierte, war Stalin. In der Pension „Schönbrunn“, in der Schönbrunnerstraße 255 im 12. Bezirk, schrieb er im Jänner 1913 „Marxismus und Nationale Frage“, das als ein bedeutendes Werk des späteren Diktators angesehen wurde.

Eine Gedenktafel erinnert noch heute daran. Sie wurde während der Besatzungszeit aus Anlass von Stalins 70. Geburtstag am 21. Dezember 1949 angebracht und vom damaligen Bürgermeister Theodor Körner in die „Obhut der Stadt Wien“ übernommen. Darauf basiert die „Verpflichtung der Magistratsabteilung 7 zur Bewahrung und Pflege dieser Gedenktafel.“

Stalins Armee befreite im April 1945 Wien von der Naziherrschaft. Das „Heldendenkmal der Roten Armee“ am Schwarzenbergplatz wurde noch im selben Jahr zur Erinnerung an rund 17.000 bei der Eroberung Wiens gefallenen Sowjet-Soldaten errichtet.

Die Ruhmestaten Stalins werden von seinen Verbrechen weit in den Schatten gestellt. So ließ er zahlreiche seiner Mitkämpfer ermorden, darunter seinen Wiener Cafehausbruder Trotzki. Die genaue Zahl der Opfer der von ihm angeordneten „Säuberungen“ (Tschistki) ist nicht bekannt. Historiker sind sich aber einig, dass sie in die Millionen geht.

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